Eine Reise nach Italien im Jahr 1938
Teil I: Einführung
Ein optisch besonders schön gestaltetes Fotoalbum zeigt die Reise zweier deutscher Paare von Hannover über Österreich nach Oberitalien. Eine zweiwöchige Fahrt mit einem Opel Olympiaim August 1938.
Das Fotoalbum ist auffallend künstlerisch gestaltet. Der begleitende Text ist in gestochen scharfer Sütterlin-Schrift geschrieben. Die Fotos sind teilweise in gezeichnete Rahmen hineingesetzt, einzelne Skizzen und sonstige Schmuckelemente, die an Art Deco erinnern, sind im gesamten Album zu finden.


Diese Schmuckelemente, nämlich u.a. Hakenkreuze, Sig-Rune und das Symbol der italienischen Faschisten ließen mich schon beim ersten Durchsehen vermuten, dass es sich bei den Reisenden um überzeugte Nationalsozialisten gehandelt haben muss. Die Wahl der Reiseziele in Deutschland, u.a. die NSDAP-Parteizentrale sowie das Reichsparteitaggelände, erhärteten meinen Verdacht. Auch im Text findet sich nicht die geringste Distanzierung vom NS-Regime. Im Gegenteil. Obwohl der Anschluss Österreichs bei der Reise gerade mal ein paar Monate zurücklag, wird im Text ausschließlich von Deutschland oder Ostmark gesprochen. Und die österreichischen Berge werden selbstverständlich als deutsche Berge angesehen.
Über den Ersteller höchstwahrscheinlich eine Erstellerin, so sorgfältig wie das Fotoalbum gestaltet wurde weiß ich nichts. Die Reisenden sind ein junges Ehepaar aus Hannover. Die Mitreisenden werden als Herr und Frau Meinel bezeichnet. So sahen sie aus (die Erstellerin dürfte wohl die Frau links im Bild gewesen sein):

Insofern weiß ich auch nicht, was aus ihnen geworden ist. Ob sie den 2. Weltkrieg überlebt haben?
1938. Ein Jahr, in dem sich immer deutlicher dunkle Wolken über Europa zusammenzogen. Das Deutsche Reich drängt nach Ausdehnung. Am 12. März wird Österreich besetzt und angeschlossen durchaus zum Wohlgefallen vieler Österreicher und im Herbst wird dann das Sudetenland annektiert. Judenfeindliche Maßnahmen werden immer härter und offener vollzogen. Im Oktober werden Tausende Juden nach Polen ausgewiesen. Am 09.November 1938 kam es dann zur Reichspogromnacht gegen die Juden in Deutschland. Eine traurige Zeit. Umso unbeschwerter wirkt im Vergleich der fröhliche Reisebericht, den wir nun lesen dürfen.
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob man diesen Reisebericht als Zeitdokument so einfach einstellen kann.
Doch gerade auch wegen die Bezüge zum Nationalsozialismus finde ich dieses Album interessant. Es schildert nicht nur eine interessante Reisefahrt, sondern lässt zugleich tiefer blicken, nämlich in die unbeschwerte Gedankenwelt eines deutschen Ehepaars im Jahr 1938.
Gleichwohl möchte ich diesen Reisebericht nicht ohne Gegenpol veröffentlichen. Zur gleichen Zeit, als dieses Ehepaar einen fröhlichen Urlaub in Italien verbringt, leben im Deutschen Reich die Juden (und viele andere verfolgte Deutsche) in tiefer Verzweifelung. Sehr deutlich schildern diese Welt die Tagebücher des deutschen Professors Viktor Klemperer. Dass dieser seinen jüdischen Glauben schon lange abgelegt, im Ersten Weltkrieg gedient und eine durch und durch arische Frau hatte, hat die Nationalsozialisten nicht daran gehindert, ihn seines Amtes zu entheben und immer stärker zu drangsalieren. Dass er letztlich den Nationalsozialismus überlebt hat, ist ein Wunder. Ich werde daher seine Eintragungen in dieser Zeit zusammengefasst dem Reisebericht gegenüberstellen, einmal am Anfang, einmal am Ende.
Noch ein rechtlicher Hinweis: Soweit auf dieser oder den folgenden Seiten Symbole nationalsozialistischer Organisationen gezeigt werden, so dient dies ausschließlich der Dokumentation. Eine Strafbarkeit gemäß § 86a StGB ist damit nicht gegeben.