Eine Reise nach Italien im Jahr 1938
Teil II: Fahrt nach Österreich
Tagebuch Viktor Klemperer vom 10. August 1938 (zusammengefasst):
K. beklagt sich, dass sich viele Bekannte nicht getraut haben, zum Geburtstag seiner Frau zu gratulieren, da sie nicht als Besucher von Juden identifiziert werden wollen. Ab 01.10.1938 soll allen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen werden. Zum gleichen Zeitpunkt sollen alle Juden Sonderausweise erhalten. Seit Wochen hat Italien die Rassen- und Judenhetze nach deutschem Muster aufgenommen. (Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten" Tagebücher 1933- 1941, Aufbau-Verlag 1995, S. 417 f.).
Und hier nun der Original-Reisebericht aus dem Fotoalbum:
Unsere Ferienfahrt August 1938
Am Sonntag, den 14, August
morgens 8 Uhr stand unser Reisewagen, ein schnittiger Opel Olympia vor der Tür und die geplante Alpen- und Italienfahrt begann.
Anmerkung: Der Opel Olympia war das erste in
Großserie produzierte Auto mit selbsttragender, komplett aus
Stahl gefertigter Karosserie. Er erschien 1935 und erhielt seinen
Namen bereits in Anlehnung an die Olympischen Sommerspiele des
Jahres 1936 in Berlin. Die neue Ganzstahlkarosserie brachte
einige Vorteile gegenüber der bisherigen Rahmenbauweise mit
sich, etwa eine bessere Aerodynamik, ein verringertes Gewicht
(835 kg), und sie bot erstmals eine Knautschzone. Der Olympia war
in mehreren Varianten erhältlich, als Cabrio-Limousine (wie
unsere Reisenden sie benutzen) oder zweitürige Limousine. Je
nach Baujahr und Motor betrug die Spitzengeschwindigkeit 95
112 km/h. Bis die Produktion ziviler Fahrzeuge 1940
gestoppt wurde, wurden 168.875 Modelle vom Typ Olympia gebaut.
Dass unser Ehepaar auf das Fahrzeug ihrer Mitreisenden
zurückgreifen mussten, ist keineswegs ungewöhnlich. Autos waren
zur damaligen Zeit noch so teuer (der Olympia kostete anfangs
2.500 Reichsmark), dass sich nur wirklich gut betuchte Deutsche
eines leisten konnten. Gerade mal ein Prozent der deutschen
Bevölkerung verfügte in den 30er Jahren über ein eigenes
Fahrzeug.
Eine kurze Begrüßung mit unseren Reisebegleitern Herrn und Frau Meinel und schon rollte der Wagen die Reichsautobahn in Richtung Braunschweig zu. Das nächste Ziel war Markranstädt,
Anmerkung: Ein kleiner Ort 10 km westlich von
Leipzig
welches wir über Wolfenbüttel Halberstadt Aschersleben Halle gegen mittags 1 Uhr erreichten. Nach zweistündigem Aufenthalt und einem guten Imbiss bei der Mutter ging es weiter auf der Reichsautobahn dem Zwischenziel Nürnberg zu. Bereits nach kurzer Fahrt umgaben uns schon die Berge Thüringens das grüne Herz Deutschlands. An der kunstvoll angelegten Saalebrücke wurde zum ersten Mal wieder Halt gemacht.
Anmerkung: Dass die Reisenden gerade an einer
Autobahnbrücke Halt und diese sogar fotografiert haben zeigt,
dass die Autobahnen 1938 noch keineswegs eine
Selbstverständlichkeit waren.
Die Idee, das Deutsche Reich mit einem Netz von kreuzungsfreien
Nur-Kraftwagen-Straßen zu überziehen, entstand nach
dem 1. Weltkrieg. Erste Planungen gab es dann in den 20er Jahren,
wobei der Begriff der (Reichs)Autobahn überhaupt
erst Anfang der 30er Jahre geprägt wurde. Aufgrund des nach wie
vor geringen Autoverkehrs einerseits und der Weltwirtschaftskrise
andererseits (und da bezeichnenderweise die Nationalsozialisten
vor ihrer Machtergreifung den Bau von Autobahnen zu verhindern
suchten), konnten vor 1933 gerade mal eine kurze Autobahn
zwischen Köln und Bonn eingeweiht werden (die heutige BAB 555).
Erst nach der Machtergreifung ließ sich Hitler zum Autobahnbau
überzeugen, schon um diesen propagandistisch als riesige
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu feiern (die sie tatsächlich kaum
war). Ab 1934 wurden in erheblichem Umfang Autobahnen gebaut,
wobei man auf die Planungen der 20er Jahre zurückgreifen konnte.
Bis zur Urlaubsfahrt unserer Reisenden 1938 waren ca.3.000 km
Autobahn eingeweiht (angesichts von über 12.000 km heute). Diese
Autobahnen ermöglichten erstmals eine zügige Reise, wo man
vormals noch auf einfachen Straßen von Stadt zu Stadt zuckeln
musste. Interessanterweise wurden Autobahnen damals noch zum Teil
so angelegt, dass die Reisenden einen besonders schönen Blick
auf die Landschaft hatten, selbst wenn diese Streckenführung
verkehrstechnisch weniger sinnvoll war.
In bunter Folge wechselte das Landschaftsbild von dichten Wäldern der Schleizer Berge zu den Fernsichten des Fichtelgebirges. Bald war Hof und auch Bayreuth erreicht. Etwa 10 km vor Nürnberg in dem bayerischen Örtchen Lauf nahmen wir Quartier und labten uns noch an einem zünftigen Maß bayrisch-Bier.
Montag, den 15. August
Ein schlechtes Quartier in Lauf und ein Himmel voll Regenwolken am anderen Morgen trübten keineswegs unsere gute Stimmung, und bald fuhren wir durch das Aufmarschgelände der Stadt der Reichsparteitage Nürnberg.


Sehr lohnend war auch der Aufstieg zur Burg, dem Wahrzeichen Nürnbergs mit herrlichem Rundblick auf die schöne alte Reichsstadt. Beim Verlassen Nürnbergs mahnte uns ein die Böschung heruntergestürzter Personenkraftwagen zu besonders vorsichtigem Fahren. Nach mehrstündiger Fahrt an üppigen Feldern mit Weizen und Hopfen bebaut vorbei, über weite Täler und Höhen kommen wir nach Eichstätt mit seiner prachtvoll gelegenen Thingstätte.
Anmerkung: Thingplätze nannte man von alters her
germanische Steinkreise.
In den 20er/30er-Jahren entstand die sogennante
Thingstättenbewegung, die nach der Machtergreifung durch die
Nationalsozialisten zunächst vorangetrieben wurden. Hierbei
wurden an landschaftlich besonders schönen Orten große
Freilichtbühnen errichtet, auf denen große Schauspiele mit sehr
vielen Mitwirkenden (bis zu 17.000!) und unter Einbeziehung des
Publikums stattfanden. Von den ursprünglich auch zur
Arbeitsbeschaffung geplanten 400 Bühnen wurden tatsächlich nur
60 errichtet. Nachdem die Nationalsozialisten aus ideologischen
Gründen sich schon wenige Jahre von dieser Bewegung abwandten,
geriet sie schnell in Vergessenheit.
In einer zeitgenössischen Betrachtung (Quelle: Eichstätt die
barocke Stadt im Jura 1936) wird die Eichstätter Thingstätte
wie folgt beschrieben: Seit dem Spätsommer des Jahres 1935
besitzt Eichstätt eine Thingstätte von köstlicher Eigenart, um
die es ganz Deutschland beneiden mag. Im Angesicht der Burg ist
sie entstanden, hoch über den Tälern, die den Berg
umschließen. Alle schaffenden Hände der Stadt - der höchste
Beamte neben dem einfachen Arbeiter - haben sie erbauen helfen,
gemauert aus den Bruchsteinen des Juradolomits...
In ihr grüßen wir das Symbol des neuen Reiches auf dem
altehrwürdigen Boden unserer schönen Heimat.
Vom Thingplatz aus genießt das Auge des Wanderers einen
überwältigenden Rundblick auf Berge und Wälder. Und zu seinen
Füßen zieht die Altmühl ihre müden Kreise, und in ihren
dunklen Wassern spiegeln sich Kirche und Konventbau des
ehemaligen Chorherrenstiftes Rebdorf, das der Hohenstaufe
Friedrich Barbarossa geründet.
Die Eichstätter Thingstätte wurde nach dem 2. Weltkrieg
zerstört.
Weiter ging die Fahrt über die schöne blaue Donau bei Ingolstadt nach Pfaffenhofen; gegen Mittag erreichten wir die Stadt der deutschen Kunst München.
Anmerkung: Hitler hatte bekanntermaßen nach dem 1.
Weltkrieg jahrelang in München gewohnt. Hier formte er die NSDAP
(nachdem er zuvor als Informant der Reichswehr die Gruppe besucht
hatte) und versuchte mit dieser 1923 seinen Putsch. Schon aus
diesem Grund galt München als Hauptstadt der
Bewegung. Den Ehrentitel Stadt der deutschen
Kunst erhielt München 1937, als das sog. Haus der
deutschen Kunst eröffnet wurde. Damit auch allen klar war,
was nicht als deutsche Kunst zu gelten hatte, wurde parallel im
Kongresssaal des deutschen Museums die Ausstellung
Entartete Kunst eröffnet.
Die Sehenswürdigkeiten Münchens unterzogen wir einer eingehenden Besichtigung. Aus der Fülle des Gesehenen sind besonders hervorzuheben:
Die Feldherrnhalle,

das Braune Haus, der königliche Platz mit der ewigen Wache, das Haus der deutschen Kunst und verschiedene Parteibauten.
Anmerkung: Die Aufzählung dieser Sehenswürdigkeiten zeigt ziemlich deutlich die nationalsozialistische Gesinnung unserer Reisenden. Nicht nur das Haus der deutschen Kunst wird besucht. Auch die Feldherrnhalle, wo 1923 der Hitler-Putsch scheiterte. Und auch noch das Braune Haus, die NSDAP-Parteizentrale.
Im Anschluss an die Besichtigung stärkten wir uns im Hofbräuhaus mit ein paar Würst`l und Bayerischkraut sowie dem dazugehörigen ersten Hofbräu.
Ab München führte uns die Autobahn am Chiemsee vorbei zur ehemaligen Landesgrenze. Im Hintergrunde bereits dunkle Umrisse des Alpenmassivs. Als erste Stadt der Ostmark grüßte uns Salzburg, wo wir ein gemütliches Quartier fanden.
Anmerkung: Wie schon angesprochen, war der Begriff "Ostmark" die Bezeichnung Österreichs nach dem Anschluss.