Eine Reise nach Italien im Jahr 1938

Teil IV: Fahrt durch Italien nach Venedig

Am Freitag, den 19. August

In Linz rüsteten wir zu dem Grenzübertritt nach Italien und versorgten uns mit dem nötigsten Reiseproviant um mit den beschränkten Devisen jenseits der Grenzen auszukommen.

Anmerkung: Seit der Weltwirtschaftskrise war der Devisenverkehr stark limitiert, was von den Nationalsozialisten auch dazu genutzt wurde, ausreisewilligen Juden ihr Vermögen abzuknöpfen.

Der Wagen wurde noch einmal gründlich überholt und der Tank bis zum Rande gefüllt sowie noch zusätzlich 20 ltr. Brennstoff in Reserve mitgenommen.

Schwerbepackt verließen wir gegen Mittag Lienz und rollten dem deutschen Grenzort Sillian entgegen. Zu beiden Seiten des Weges erhoben sich majestätisch die Tiroler Berge und verstreut lagen wie angeklebt die Bauernhäuschen an den Abhängen. Wie aus einem Spielzeugkasten aufgebaut lugte ab und zu der spitze Kirchturm mit einem Tiroler Dörfchen emport.

So gelangten wir schönheitstrunken in Sillian an.

 

Am Sonnabend, den 20. August

Etwas Unheimliches lag auf unseren Gemütern als nach etwa 2 km Fahrt die Landesgrenze erreicht war. Hatten wir doch in Sillian erfahren mit welchen Mitteln leider heute noch unsere deutschen Brüder jenseits der Grenze in Südtirol von den ital. Karabinieri entdeutscht werden.

Anmerkung: Das zuvor eigentlich mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn verbündete Italien hatte 1915 Östereich-Ungarn den Krieg erklärt, konnte jedoch während des 1. Weltkrieges die östereichischen Gebirgsstellungen trotz diverser, für beide Seiten extrem verlustreicher Versuche nicht erobern. Nach der Niederlage der Mittelmächte musste Österreich Südtirol an Italien abtreten. Nach dem Machtantritt der italienischen Faschisten 1922 kamen es verstärkt zu staatlichen Repressionen gegen die Südtiroler bzw. deren Sprache und Kultur, wie sie eben auch im Fotoalbum beschrieben werden. Nach Verhandlungen zwischen den nunmehr verbündeten Mussolini und Hitler wurde die Südtiroler im Oktober 1939 vor die – für die Südtiroler erschreckende – Wahl gestellt, nach Österreich (also ins damalige Deutsche Reich) umzusiedeln oder sich zu assimilieren. Schon aufgrund starken Drucks (angedroht wurde ansonsten eine Umsiedlung nach Sizilien) entschieden sich 85 Prozent der Südtiroler für eine Umsiedlung nach Österreich. Aufgrund des schon begonnenen 2. Weltkrieges kam es aber letztlich nur teilweise zur Umsiedlung, so dass auch heute noch ca. 70 Prozent der Bewohner Südtirols der deutschen Volksgruppe zugehörig sind. Die Region ist heute weitgehend autonom.

Die Paß- und Zollformalitäten waren bald erledigt und der Schlagbaum gab die Einfahrt frei in’s andere Land.

St. Candido (Innichen) war der erste italienische Ort den wir durchfuhren. Keine deutsche Schrift und kein deutscher Laut bestehen hier noch im öffentlichen Verkehr.

Um so reizvoller wurde dafür die Landschaft, da wir uns bald inmitten der wildzerklüfteten Dolomiten befanden. Unser Weg führte weiter über Toblivio (Toblach) am Toblacher See vorbei – vor uns der 3200 m hohe mit Schnee und Eis bedeckte Monte Christallo – nach der Perle der Dolomiten „Cortina“.

Anmerkung: Cortina d`Ampezzo

Hier erinnern auch noch Soldatenfriedhöfe der gefallenen Alpenjäger an das große Völkerringen 1914 – 1918.

In rastloser Fahrt ging es im Tale der Loite immer nur vorwärts. Und zur Rechten der Höhenzug der Valle d`Ampezzo, und zur Linken die Häupter einiger bis zu den Gipfeln scharf gezackter Dreitausender.

So gelangten wir bei Pieve di Cadore ins Tal der Piave, bereits an den Südabhängen der Alpen gelegen.

Große Kraftwerke, welche die gesamte Industrie und elektrische Bahnen mit Energie versorgen, zeugen auch in Italien von der Ausnutzung der ungeheuren Wasserkräfte der Alpen.

Je südlicher wir kommen, um so mehr verflachten sich die Berge und die typisch italienische Bauart mit den Flachdächern der Häuser – von nicht gerade besonders sauberem Eindruck - beherrschte das Landschaftsbild. Die meistens vielfach geschlossenen Holzläden vor den Fenstern der schmucklosen Häuser machten den Anblick noch unfreundlicher.

Bei Vittorio verschwanden die letzten Berge und das Tor der großen lombardischen Tiefebene öffnete seine Pforten.

Anmerkung: Vittorio Veneto

An fruchtbaren Mais- und Weinfeldern vorbei ging es in stundenlanger Fahrt bis Mestre – unserem Tagesziel.

Anmerkung: Mestre ist der letzte Ort auf dem Festland gegenüber von Venedig, er ist heute in Venedig eingemeindet.

Der italienischen Sprache unkundig, fanden wir erst nach langem Suchen mit Hilfe eines deutsch Sprechenden ein Zimmer „ital. Art“.

 

Am Sonntag, den 21. August

brachte uns die elektrische Trambahn für Lr 1,20 von Mestre über den kürzlich angelegten 4 km langen Damm nach Venedig.

Am Abend vorher lernten wir einen deutsch-schweizer Monteur namens Durtschli kennen, der sich erbot, die Führung unserer Gesellschaft für heute zu übernehmen.

Am „Canale Grande“ der Hauptwasserstraße Venedigs entlang über die Unmengen von schönen Brücken gelangten wir in das Innere der Stadt mit ihren architektonisch weltberühmten Bauten in kunstvoller Stilart.

Rundgang durch die Stadt:

Der Höhepunkt an Prunk und Schönheit bildete der Markusplatz und die unbeschreiblich schöne Markuskirche.

Der nächste Anziehungspunkt war Venedigs Hafen,

von wo aus die berühmte Badeinsel – der Lido – deutlich sichtbar war.

Anmerkung: Der Lido die Venezia ist keine Insel, sondern eine Venedig vorgelagerte Halbinsel, die sich im 19. Jhd. zum mondänen Seebad entwickelt hat. Besonders bekannt ist der Lido dadurch, dass er Schauplatz von Thomas Manns „Tod in Venedig“ ist.

Ein reges Leben und Treiben von internationalen Schiffen und Menschen ließ auch den Hafen riesig interessant erscheinen.

Ein außergewöhnlich schönes Bild genossen wir auch von dem auf dem Markusplatz gelegenen Uhrenturm. „Venedig in Miniatur-Ausgabe“ könnte man dazu sagen. Im Westen die Stadt mit ihren Wasserstraßen. Im Hintergrund der dunkle Streifen des Festlandes. Im Osten das blaue Meer, Inseln und die Unmengen Schiffe, Barkassen und Gondeln.

 

Zurück nach Mestre benutzten wir wieder die Trambahn und beschlossen den herrlichen Sonntag mit einem erfrischenden Bad in der freien Adria. Das Meerwasser hat hier einen Salzgehalt von 6 %.

Anmerkung: Üblicherweise hat Meerwasser ein Salzgehalt von ca. 3,5 Prozent.

 

Es geht Richtung Oberitalien