Eine Reise nach Italien im Jahr 1938

Teil VI: Rückreise nach Deutschland

Am Donnerstag, den 25. August,

Abschied von dem schönen Italien,

Der Weg zur Grenze führte uns gleich hinter St. Leonardi auf den berüchtigten Jaufenpass – bekannt durch seine jähen Steigungen. Nach fast einstündiger Fahrt war noch immer – ganz tief unten im Tale – als herrlicher Anblick der Kirchturm des Ortes sichtbar. Tapfer und zuverlässig überwand unser „Olympia“ auch den Jaufenpass.

Anmerkung: Der Jaufenpass – Passo die Monto Giovo – ist 2.099 Meter hoch.

Auf der Höhe pfiff uns ein eisiger Nordwestwind um die Ohren – wo uns noch vor ganz kurzer Zeit die Sonne Italiens umschmeichelt hatte – eine unangenehme Überraschung.

In Sterzing – dem letzten größeren italienischen Ort – veräußerten wir noch die übrig gebliebenen italienischen Lira. Dank der vorsichtigen „Finanzverwaltung“ waren wir mit den Devisen sehr gut ausgekommen.

Spielend leicht schaffte der Wagen auch noch die weiteren 400m Steigung zum Brennerpass . 1372 m hoch - wo ein reger Grenzverkehr herrschte.

Anmerkung: Der Brennerpass müsste eigentlich jedem vom Namen her bekannt sein. Er ist seit alters her eine wichtige Alpenquerung zwischen Südtirol und Tirol und damit heute ein Grenzpass zwischen Österreich und Italien. Die bekannte Brennerautobahn wurde erst in den50er/ 60er Jahren erbaut. Heute ist der Brenner die verkehrsreichste Strecke zur Alpenquerung.

Unsere Passformalitäten waren bald erledigt und dann waren wir bald wieder auf deutschem Heimatboden.

Anmerkung: Genau, Östereich war ja nunmehr deutsch.

Wie schön – alles wieder lesen zu können und mit frohen Menschen endlich einmal wieder deutsch zu sprechen.

Anmerkung: Das ist aber auch wirklich ärgerlich, dass man im Ausland nicht deutsch sprechen kann. Immerhin hat Adolf ein Jahr später versucht, die deutsche Sprache zur allgemeinen Sprache in Europa zu machen. Hat aber irgendwie nicht ganz funktioniert.

Schmucke farbenfreudige Tiroler Häuschen grüßten uns zu beiden Seiten der Straße. Stark beeindruckt waren wir auf auch von dem Anblick der Stadt Innsbruck, welche wir – von dem Berg Isel kommend – unter uns malerisch im Tal am Inn liegen sahen.

In einem kleinen Ort im Tale des Inn nahmen wir das erste deutsche Quartier.

 

Am Freitag, den 26. August,

war noch ein kleiner Alpenbummel geplant. Wir besuchten die Städte Mittenwald

, Garmisch-Partenkirchen

und machten anschließend eine Fußwanderung durch die bekannte bösartige „Höllentalklamm“.

Anmerkung: Eine ca. 1 km lange Klamm in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, durch die man im Sommer auf installierten Wegen wandern kann.

 

 

Zwischen Garmisch und Mittenwald quartierten wir uns bei einem Bauern ein.

 

Am Sonnabend, den 27. August,

Alles nimmt einmal ein Ende – leider auch unsere Ferienfahrt.

Jetzt befinden wir uns bereits in voller Fahrt auf dem „Nachhausewege“.

Auf schöner Straße erreichten wir den Walchensee

und den 400 m tiefer liegenden Kochelsee bekannt durch das riesige Großkraftwerk – von Naturkräften betrieben.

Anmerkung: Gemeint ist das 1924 gebaute Walchenssekraftwerk, das bis heute eines der größten Wasserkraftwerke Deutschlands ist.

Gegen Mittag waren wir bereits wieder in München und konnten am gleichen Tage vorm Dunkeln noch bis Nürnberg gelangen.

 

Am Sonntag, den 28. August

waren uns die Linien unseres Wagens gezogen, nämlich durch die fast schnurgerade Autobahn, welche von Nürnberg bis Skeuditz bei Halle führt. Das Landschaftsbild war uns noch von der Hinfahrt bekannt. Gegen Mittag befanden wir uns bereits in der Nähe von Plauenhof und machten noch einen Abstecher nach Plauen zu Herrn Meinels Eltern.

Nach kurzer Mittagsrast hatten wir bald wieder den grauen Zementboden der Autobahn unter uns und waren am späten Nachmittag in Halle. Auf der Reichsstraße ging die Fahrt weiter in Richtung auf Madgeburg, welches wir beim Dunkelwerden erreichten.

Die letzte Etappe überwanden wir im 80-90 km-Tempo und nach etwa 2stündiger Fahrt schien uns das leuchtende Hannover entgegen.

So rollte der wackere „Olympia“ in die Heimatstadt nach einer zurückgelegten Strecke von über 2.900 km bei einem Verbrauch von 270 ltr. Kraftstoff und 7 ¼ Ltr. Öl störungsfrei und wohlbehalten ein.

 

Nachtrag auf der Innenseite des Deckels:

Oft und gern nehmen wir dies Album zur Hand, blättern schauend und lesend Seite um Seite herum und lassen immer wieder das Erlebte im Geiste an uns vorüberziehen.

Ferienfahrt 1938

welch` schön Erinnerung birgt das Wort in sich - :

die schneebedeckten Bergriesen der Alpenwelt;

die reizvollen Tiroler Landschaftsbilder;

die ewige Sonne Italiens;

das harmonische Einvernehmen unserer Reisegesellschaft, welches sich trotz kleiner Meinungsverschiedenheiten immer wieder durchsetzte.

Dies alles hat uns wieder für ein ganzes Jahr Schaffensfreude und Kraft für den Alltag verliehen, denn:

Wandern, Singen und Fröhlichsein
ist des Lebens Sonnenschein!

 

Tagebücher Viktor Klemperer vom 24. August 1938:

K. berichtet über das neue Gesetz über jüdische Vornamen, wonach u.a. alle männlichen Juden den Zusatz-Vornamen „Israel“ und die weiblichen „Sara“ führen müssen. Ein Handwerker berichtet ihm, dass er trotz sehr niedriger SA-Dienstnummer (also trotz besonders früher Zugehörigkeit) aus der SA entlassen wurde, weil er einen jüdischen Vorfahren hat. Wörtliche Zitate von K: „Immer hat man den Druck und das Ekelgefühl auf der Seele und entgeht ihm nur noch für Minuten.“ „Alles was ich auch arbeite, tue, denke, immer ist der entsetzliche Druck der Situation da.“ („Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten – Tagebücher 1933- 1941, Aufbau-Verlag 1995, S. 419 ff.).