Die ersten Tage auf Korsika
 

Weiter im Original-Reisebericht von Anneliese von 1952:
 

16.08.1952

1:26 Uhr mogens, rasch aus der Kabine ans nächste Bullauge, da ist ja schon Korsika. Bastia liegt weiß am Meer in Wolken gehültt, dahinter die Berge etwas düster und grau. Pünktlich um 6 Uhr sind wir bereits an Land und da stehen wir in brütender Hitze am frühen, frühen Morgen. Es kann in Afrika nicht heisser sein. Wir finden schnell ein recht ordentliches Hotel, und zu komisch, der erste Korse ist keiner, er ist Deutscher, wohl vom Krieg übriggeblieben, spielt nun maitre d`hotel, aber leider nicht sehr sympathisch. Wir schleppen unser Gepäck heran, es ist nur ein kurzer Weg, aber das Wasser quillt aus allen Poren. Nach kurzer Rast läuft man durch Bastia, ja man bringt es fertig und die Augen schauen und fassen ein schönes und fremdes Bild nach dem anderen: Barockkirchen, südliche Gassen, eine festungsähnliche Stadt, ein mittelalterlicher Platz, das Meer, die Berge, Esel, Katzen, Hunde, Kinder. Die Frauen kommen aus der Kirche in tiefschwarz, das Gesicht von einem Schal umrahmt.

Abwässerrinnsale, Gestank, alter Hafen mit bunten Booten.

So sah der Hafen damals aus:

Heiss, heisser, wir lechzen nach einem erfrischenden Bad, aber nirgends ist ein Zugang zum Meer. Den ganzen Weg zurück auf die andere Seite der Stadt, da ist es nicht besser und noch ziemlich hässlich dazu, denn hier haben die Handelsfirmen ihre Lagerplätze, aber endlich ist da das, was sie plage nennen,

Anmerkung GreyWolf: plage = Strand

 

ein steiniger Streifen umsäumt von kleinen Restaurationen. Wir finden grünen Schatten in einer Weinlaube, wo man uns frische Butter, Milch, Käse und andere Köstlichkeiten serviert auf geblümten Tellern und in bunten Schalen. Im Wasser ruht man sich aus und fühlt sich unsagbar wohl, eine kleine Kliffwanderung über schrumpelige Felsen, die ganz runzlig aussehen. Und wieder ins Wasser, da plötzlich wird es ganz ölig, hässliche schwarze Flecken schwimmen heran, Öldampfer haben im Wasser angelegt.

Tiefer Mittagsschlaf im Hotel auf guten Betten. Es ist sauber und komfortabel hier und sieht aus wie eine Etagenpension am Kurfürstendamm. Mir ist es etwas schlecht beim Aufstehen, wohl durch die Hitze. Tee auf dem großen Platz, dann langer Abendbummel durch das alte Bastia. Ein kleiner Park, Blick auf das Meer, Fledermäuse huschen ums Gemäuer und dann auf und ab durch die stinkenden Gassen. Warum ist es trotzdem so schön? Das ist doch schmutzig, das ist doch auch armselig, das ist auch fast unheimlich in seiner Engigkeit und abendlichen Dunkelheit. Ist es nur dass Fremde das uns dabei so lockt und fühlt man sich schon fast verpflichtet es malerisch zu finden, weil es einem so erzählt wurde? Nein, es ist schön. Bastion Bastia mit hohen quadrigen Häusern auf die Felsen gepflanzt und zusammengeschart zu notwendiger Verteidigung, das ist organisch gewachsen.

Es gibt keine Abendkühle. Man isst in einem sauberen, hübschen Lokal viel zu teuer und sitzt dann auf dem großen Platz, wo in den Cafes gesungen und gespielt wird und man mit südländischem Temperament seinen Beifall bekundet. Man sieht auch rassige Gesichter, dunkel und geschmeidig.

Straßenszene wohl aus Bastia:

Man stellt zum Trost fest, dass es auch den Korsen heiss ist und dass eine derartige Hitze auch für diese Breiten etwas ungewöhnliches ist. Aber ausgerechnet, wir mitten in einer Glutwelle. Wie müde die Hitze macht und wie schweigsam.

Man liegt in dumpfer Luft auf dem Bett und hört den südländischen Stimmen zu. Eine Frau hustet und der Hof ist so schmal, dass man denkt, sie ist im Zimmer. Und man schläft tief und benommen.

 

17.08.

Heiß, heiß am frühen Morgen, aber da weht ein Wind von den Bergen, köstliche Gabe. Heute ist Markt unter schattigen Bäumen, Früchte und Käse in Hülle und Fülle, Katzen, Hunde und Eselchen und eine wunderschöne Barockkirche, deren Türen weit offen stehen, bildet einen Teil des Platzes. In die Kirche dringt gedämpfter Marktlärm und der Geruch von gebratenem Fisch.

Autobusfahrt nach Sisco, eine Küstenfahrt von herber Schönheit. Da hinter uns liegt Bastia weiß und schwer auf seinen Felsen und der Bus windet sich um die Klippen. Ein dicker, alter Turm taucht auf und ragt weit hinaus in die See.

Das müsste diese Szenerie sein:

In Sonnenglut steigen wir aus und wandern ein Stück die Küste entlang. Bess und Joab suchen eine einsame Klippe zum Baden und ich schone meinen Magen noch etwas und lande nach kurzer Rast im Schatten, bei Giuseppi in der Bar. Da sitzt man und plaudert und ich trinke ein grässliches Anisgetränk von gefährlicher Farbe. Hinter dem Haus ist eine Terrasse, so schattig und hübsch gedeckt, ein Blumengarten und die See, das einen dieses glückselige Feriengefühl überkommt. Hier möchte man bleiben für ein paar Tage. Ein scharfer Wind kommt von den Bergen, die kahlgebrannt sind beim letzten Sturm. Man hat keinen Regen seit Februar und wenn der Sturm anhebt, zünden die Hirten das Maquis an

Anmerkung GreyWolf: Maquis = Unterholz, Gestrüpp

 

und gefährden die Dörfer. Das ist eine recht primitive Art, die Fruchtbarkeit fürs nächste Jahr zu erhöhen und immer wieder versetzen sie die Bevölkerung damit in Furcht und Schrecken.

Gutes Mittagessen mit vielen Gängen auf bunten Tellern und bald schwimmt man wieder in der blauen See und es ist sogar kühl, als man herauskommt.

 

18.08.

Wir sind wieder in Sisco chez Giuseppi in dem kleinen weißen Haus mit den blauen Fensterläden und der Weinveranda, von der die dicken Trauben herunterhängen.

Und ein Bild gibt es davon auch - die beschriebene Weinveranda ist aber, wie auf einem anderen Bild zu sehen, hinter dem Haus:

Anmerkung GreyWolf: Laut Internet gibt es auch heute ein Hotel Marine chez Giuseppi in Sisco – das dürfte wohl das gleiche sein.

 

Wir fuhren von hier zurück nach Bastia bei einem Sonnenuntergang von geradezu gefährlicher Schönheit, Farben, die fast unwahrscheinlich wirkten. Und in dieser Schönheit lag wohl auch eine Warnung. Eine Stunde später tobte ein Orkan von den Bergen herunter, unheimlich in seiner entfesselten Macht und gleichzeitig finden die Berge zu brennen an, von den Hirten entfacht, ein wildes Schauspiel etwas grausiger Schönheit. Man wird fast umgeschleudert auf den Straßen und Staub und Asche von verkohlten Zweigen saust einem prickelnd um die Ohren. Bastia ist wie ausgestorben und wir sitzen in einem Cafe und arbeiten hart an einem zähen Brötchen. Unser Mittagessen mit vielen Gängen in Sisco muss wieder eingespart werden. Und es ist nicht mehr heiß, man kann sich bewegen ohne Mühe. Der Sturm brüllt um das Haus, wie wir im Bett liegen und rüttelt und schüttelt an den Fensterläden in wilder Wut. Am nächsten Morgen ists als wäre nichts gewesen, unschuldig blauer Himmel, blaue See und weiße Wolken. Um 8 Uhr setzen wir Bess sozusagen in den Omnibus nach Sisco, all unser Gepäck wohl verstaut und Joan und ich haben noch „geschäftlich“ in Bastia zu tun. Heiß ist es wieder, wir gehen zur Bank, zum Reisebüro etc., kaufen ein, verpassen den Omnibus und um 11 Uhr folgen wir. Omnibus geht nur bis Erbalunga. Das bedeutet 5 km in glühender Mittagssonne. Da ziehen wir unsere Straße, kein Schatten weit und breit, nur Glut, endlose Glut. Nach 2 km kommt ein ratterndes Ungetüm und nimmt uns in sausender Fahrt mit. Gott sei Dank. Bald sitzen wir vergnügt bei einem üppigen, allzu üppigen chez Giuseppi und bald danach wird es Joan entsetztlich schlecht. Bess und ich schwimmen wieder in der blauen, seidigen See, eine herrliche Tasse Tee anschließend und dann ein wunderschöner Spaziergang ins ausgedörrte Tal hinein. Das verbrannte Gras und die Sträucher zerschinden die Füße und Beine, aber was machts, wenn man dafür diese unberührte Herrlichkeit geschenkt bekommt. Unserer Patientin wird es glücklicherweise besser. Aperitif, Kap Corse, dann Abendbrot und bald ins Bett. Um 1/2 7 wecken mich die Fliegen, nichts kann ganz perfekt sein, aber das treibt mich hinaus zum köstlichen, einsamen Bade, das schafft den klaren, guten Frühstückshunger und erfrischt. Vergnügtes Wäschewaschen am Trog vor dem Haus, aufs Trocknen kann man gleich warten, so schnell geht es in Sonne und Wind und man steckt die Nase tief in die frischduftende Sauberkeit. Dann wandern wir bei herrlicher Brise hinauf zur Chapelle St. Catherine, ein zerfallenes Kloster, dem ältesten Korsikas. Hoch über dem Meer liegt diese Ruine, man geht durch das Gemäuer, Eidecksen sonnen sich auf den Steinen, exotische Schmetterlinge gaukeln um einen Olivenbaum und Bess erscheint, mehr denn je wie eine freundliche griechische Göttin aussehend mit frischen Feigen im alten Klosterhof. Schade, dass sie ausgerechnet heute Shorts anhat. Wir klettern durchs trockene, harte, stachlige Gestrüpp, das nach allen Gewürzen des Orients duftet, liegen wie Rieseneidechsen auf verschiedenen Felsvorsprüngen in der Sonne im Wind. Zerschunden, zerzaust, zerkratzt, aber restlos zufrieden sitzen wir pünktlich bei Giuseppi beim Mittagessen. Richtige Ferien mit Faulsein und sogar „Erholung“. Jeden Tag bekommt man etwas Besonderes geboten, diesmal ist es ein nächtliches Gewitter über dem Meer, schön und unheimlich. Schwere Wolkenberge lagen am Nachmittag über den Bergen und sahen bedrohlich aus, aber im Handumdrehen ist das wieder zerfetzt und klargefegt.

Hier ein Bild wohl aus Chez Giuseppi: Bess (links) und Anneliese (Mitte) wohl im Gespräch mit einer Einheimischen (rechts).

 

20.08.

La Tour Cap Corse. Giuseppi hat uns für die Tagestour mit dem Autobus ein bezauberndes Picknickpaket mitgegeben und ich sitze unter einem Ahornbaum, ein bisschen beschwipst vom Wein und trunken von so viel Schönheit. Zu beschreiben, was wir an Herrlichkeiten gesehen auf dieser Fahrt, ist unmöglich. Kalkfelsen, lila Berge, Felsenstädte, blaues, grünes Meer, wildes bezauberndes Land, das sind arme Worte für Wunder. Orangenbäume, Bergketten, Buchten von herber Pracht, die Berge steigen direkt aus dem Meer. Einsame Türme halten Wacht und der Duft von Myrrhen und Rosmarien begleitet uns die ganze Zeit. Kakteen mit vielen kleinen Trieben und Agaven säumen unseren Weg und die herrlichen Namen Oletta, Tarniole, Nonza, Albo, sie halten alle, was sie versprechen.

 

Im dritten Teil sind sie weiterhin auf Korsika.