Die verbleibenden Tage auf Korsika
 

Weiter im Original-Reisebericht von Anneliese von 1952:
 

Wir sind ins Gebirge gefahren in einem bequemen Zug mit kleiner Bar, der extra für uns angehalten wurde, weil wir in letzter Sekunde mit dem Omnibus heranbrausten. Wie nett und gefällig sie alle waren. Der Abschied von Giuseppi fiel etwas schwer und das frühe Aufstehen dazu. Man hatte es so schnell lieb gewonnen, das schöne Fleckchen Erde, das weiße Haus, die kleine Bar und die freundlichen Menschen und die kleine Jaqueline aus Paris, die so vergnügt und hilfsbereit um uns herumquirlte. Sehr müde kamen wir heim von der Tour, ein Bad anschließend und ein ruhiges Stündchen in unserem Zimmer, wo wir dem schnellen klangvollen Französisch lauschten unter uns aus der Bar.

Aus so einer Bar? Mir war unklar, wo dieses Bild entstanden ist. Inzwischen hat mich Paradisu vom Korsika-Forum aufgeklärt, es entstand in Nonza und angeblich sieht die Bar noch heute so aus.

Corte. Ernste, schwere, schöne Stadt in den Bergen, historischer Boden, Sitz des Befreiers Paoli, des Nationalhelden Gaffori,

Anmerkung GreyWolf: Pascal Paoli war im 18. Jahrhundert der führende Kopf der korsischen Freiheitsbewegung gegen die ausländische Okkupation (Genua, Frankreich). Es gelang ihm mit seiner Bewegung, Korsika für einige Jahr zu befreien und sogar eine Demokratie einzuführen – bevor letztlich die Franzosen siegten. Gaforri gehörte ebenfalls zu dieser Freiheitsbewegung.

 

Schauplatz schwerer Kämpfe, eingebettet in ein weites Tal, umgeben von etwas abweisend aussehenden Bergen. Malerische Häuser mit Altanen, Rundbögen, Felsentreppen, Duft von frisch gebranntem Kaffee und des Gebäcks aus süßem Maronenmehl.

Straßenszene in Corte. Bess und Anneliese bemühen sich um die Zuneigung eines Esels:

Und wohl der Marktplatz, die Statue dürfte einen der genannten Freiheitshelden darstellen:

Hohe massive Häuser in den Hauptstraßen, 7, 8 Stockwerke hoch, die Stadt gekrönt von der Zitadelle.

Nämlich jene:

Man kann nicht hinauf, sie scheint baufällig zu sein die dicke Wächterin, so verbringen wir eine schöne Stunde auf der Belvedere, einem alten Turm gerade gegenüber, im frischen Wind. Unsere Pressephotografin hat heute besonders viel zu tun. Und Bess und ich tauschen unsere Röcke!

Hier der bildliche Beweis (und die Möglichkeit für mich, die Personennamen wirklich sicher den abgebildeten Personen zuzuordnen ...... und ihre Unterwäsche zu sehen :-) ):

Und noch ein Bild von Anneliese und Joan am gleichen Punkt:

Einkauf fürs Mittagessen (Spezialitäten leider nur an Sonnabenden) und hinaus ziehen wir, in eine romantische Gebirgsschlucht, einen Bach neben uns. Frisches Brot, Käse, Butter und Trauben schmecken wieder herrlich.

Noch ein Bild aus Corte.

Dank CorsicaVenus vom Korsika-Forum habe ich ein Vergleichsfoto von heute. Sieht immer noch so aus, oder?

Um 4 Uhr geht der Bus nach Calacuggia (welch ein Name). Wir dösen noch ein bisschen vor uns hin beim üblichen Cafe au lait, man hätte eigentlich zählen sollen wie viele man schon geschlürft hat. Ein ziemlich alter Kasten, der uns davonträgt, langer Aufenthalt im langweiligen Francardo, wo wir auf den Zug warten müssen und dann geht es hinein in eine Gebirgsschlucht, 10 km lang, so wild und bedrohlich und unnahbar, dass es auf mich kleine Seele fast bedrückend wirkt. Das sieht aus wie am ersten Schöpfungstag und es ist absolut unfassbar, dass es hier eine Straße gibt und dann noch einen Omnibus darauf. Sta. Regina, das klingt so mild und sieht so aus, als ob es gar keinen Namen hat und als hausten nur ein paar wilde Giganten dort.

Ist das diese Schlucht? Vermutlich....

Da öffnet sich ein Tal. Calacuccia. Wie die Gebirgsluft belebt und erfrischt. Wir bekommen ohne Schwierigkeiten ein Zimmer im einzigen Hotel, gleich Spaziergang durch die kühle Abendluft und dann verzehren wir mit bestem Appetit ein wunderbares Abendbrot. Das fängt an mit einer guten Suppe, die man hier oben gut gebrauchen kann, dann Schinken, Pilze, und Käse in Muscheln überbacken und dann sitzen auf buttrigem Kartoffelbrei lautet kleine, lustige, sehr wohlschmeckende Würstchen und eine Riesenschale mit süßen Trauben schließt die Mahlzeit ab. Wir sind albern und losgelöst. Die Betten sind breit und weich und trotzdem wir vollgefuttert sind, schlafen wir gleich ein.

 

22.08.

Porto. Man kann an Deinen Ufern sitzen und schauen, schauen, Felsen in allen Tönungen von hellrosa bis tiefbraun, grünbewachsene Hänge auf der anderen Seite und dazwischen smaragdgrün, topasblau mit weißen Schaumkronen die See.

Wir mussten Dich erst ziemlich erkämpfen. Nach einer herrlichen Gebirgsfahrt durch Buchen- und Kastanienwälder mit dem köstlichen Bild, wie im Wald eine Karawane mit Mauleseln auftauchte und den Pfad hinaufklomm in die Berge, über das Col de Veccio (1450 m), wo wir im frischen Wind mitten in den Granitbergen standen, und sich dann die Berge plötzlich öffneten und die blaue See hervorlugte. Ja, aber unser Fahrer verkauft uns, er redet uns ein, dass es drunten am Stand keine Hotels gäbe und wir hier mieten sollen, wo der Autobus endet. Wir mögen sein Gesicht nicht sehr und haben schon ein dummes Gefühl, doch wir sind eben fremd in der Gegend und müssen ihm glauben. Es gefällt uns gar nicht, so nah an der Straße, weit weg vom Meer, und Madame ist gar nicht sehr freundlich, sie sieht so unglücklich aus, wir schließen gleich auf eine unglückliche Ehe, aber sie trotzdem ganz geschäftstüchtig und will uns ein Mittagessen aufzwingen, doch da bleiben wir hart. Es ist auch nicht billig hier und viele Fliegen gibt es. Aber die Zimmer sind gut und die Betten breit. Wir kaufen korsische Spezialitäten, teuer und albern, so Art Vanillepudding und lederige Pfannkuchen. Wir habens heute schwer. Doch dann welch ein Duft und welche Pracht, eine Allee von hohen Bäumen, pastellfarbene Stämme, grün, grau und rosa und graugrüne, feinfingrige Blätter. Eukalyptus. Wir erreichen das Meer, vor uns breitet sich eine malerische Bucht aus und an die Felsen geschmiegt, hier ein Hotel, dort ein Gasthof und da noch einer. Halunke, verfluchter. Wir klettern zu einem dicken Turm, der in der Mitte auseinandergebrochen ist, wir fahren in einem kleinen Boot zur Plage und wir knurpsen über den steinigen Strand, Wir mühen uns durch harte Wellen in die See und habens schwer bei etwas schmerzhaftem Herauskommen. Wir klettern mitten in die Felsen hinein und ruhen auf hartem Stein bis in den Abend, abwechselnd lesend, sinnend und schauend. Und vor lauter Schönheit vergesse ich die unsinnigen Promenaden in glühender Sonne hin und und zurück durch die Eukalyptusallee. Denn die Spezialitäten reichen bei weitem nicht aus und der nächste Laden ist weit entfernt. So gabs wieder die prächtigen Käsesorten, und Wein, den wir bei offener Flasche über alle Felsen schleppen. Und am Abend holen wir uns beim Hotel Vernouillet, beim freundlichen dicken Wirt die erfreuliche Antwort, dass wir von morgen ab bei ihm am Strand wohnen können. Doch erst müssen wir wieder zurück ins „Ideal-Hotel“ zur traurigen Madame, teuer und gar nicht besonders ist das Abendbrot, wir sind todmüde und schleichen ins Bett.

 

23.08.

Das ist ja nicht möglich, es gießt. Ausgerechnet hier, wo man auf gutes Wetter angewiesen ist. Grau in grau, so ist auch das Frühstück, alles ohne Atmosphäre. Es hört schon wieder auf zu regnen, wir wandern durch unsere Eukalyptusallee zum Mr. Vernouillet in das schlichte, saubere Hotel am Strand. Wanderer, der Du diese Dinge liebst, diese saubere Einfachheit, getünchte Wände, ein gutes Bett, einen Krug frischen Wassers, 3 Haken an der Wand, eine Terrasse, die mit getrockneten Eukalyptuszweigen gedeckt ist, das Meer und die Felsen, dann komm an dieses Gestade. Du musst es in Kauf nehmen, dass ein gewisses Örtchen weit weg liegt und die Tür nicht schließt, so dass Du besser singst, wenn Du Dich dort befindest, im Falle ..... Aber dafür serviert man Dir mittags Tomaten, Oliven in Öl und Salami, in Öl gebackenen Fisch frisch aus dem Meer, gegrilltes Schweinefilet auf goldgelben Pommes frites und Äpfel und rahmigen Käse zum Nachtisch. Und Du trinkst dazu den würzigen korsischen Landwein und knusperst weißes Brot.

Die Wolken zerreißen noch vor dem Mittagessen, wir baden, heute in ruhiger See. Wir ruhen nach dem Essen und dann, ja dann fängt es hoffnungslos zu gießen an. Restaurant de Belvedere hat eine gedeckte Terrasse und lässt uns einen schönen Blick auf eine silberne See und verschwimmende Felsen. Doch hat in diesem Lokal die Zivilisation hoffnungslos ums sich gegriffen. Ein Lautsprecher posaunt Tanzmusik und das passt wirklich nicht in diese Landschaft. Wir haben Glück, der Strom ist unterbrochen.

Ja, aber zuvor beim Mittagessen, da gabs noch eine große Sensation, ein Zirkus kommt nach Porto, das erste Mal seit Menschengedenken und sie lassen sich nieder gerade in der kleinen Bucht. Sie haben 2 Löwen, die sehr traurig aussehen und mitunter furchtbar brüllen, ein Äffchen und einige Ponies. Da hebt ein Klopfen und Hämmern an und geschäftiges Getriebe, das Zelt wird aufgebaut, und als es glücklich fertig ist, da kommt Regen und Wind und alles wird wieder zusammengepackt. Doch sie bleiben hier, länger als einen Tag regnet es nicht in dieser Gegend.

Am Abend ist der Strom noch immer unterbrochen, aber das ist recht gemütlich und romantisch. Wir sitzen um einen großen Tisch mit Petroleumlampe und schmausen und plaudern und dann kommt einer herein mit verwegenem Strohhut, Schaftstiefeln und unheimlichen Blick, das ist der Dompteur vom Zirkus. Wir sind schon wieder müde und gehen bald ins Bett, nachts wache ich auf, weil die Löwen brüllen. Gott ist das komisch.

 

24.08.

Es ist weiter regnerisch, sehr zum Erstaunen der Einheimischen, die so etwas scheinbar gar nicht gewöhnt sind. Aber es ist voller Lichteffekte und wir wandern ein Stück bergaufwärts und hocken auf einem Stein und schauen ins Tal, in ein Tal, das etwas fruchtbarer aussieht als die bisherigen. Mittags essen wir dann Berge von Pommes frites, Mr. Vernouillet hat seine Freude dran. Eigentlich zogen wir aus zum Baden, aber da steht man an einer wilden entfesselten See, die heute ganz einfach den Eintritt verwehrt, das brüllt und schäumt in vielfarbiger Pracht, man steht sehr bescheiden am Rande und hat doch seine Freude daran.

Das ist wohl das Bild dafür - Anneliese und Joan beim Baden (jetzt kennen wir auch die damalige Bademode):

Sonnenuntergang in Porto, das ist wohl der Höhepunkt der Schönheit. Wir sind auf der anderen Seite hinaufgestiegen und da liegt vor uns ein tiefdunkelblaue See und der Himmel hat einen breiten Streifen von purem Gold und tupft goldene Flecken über das Wasser und darüber in ganz gerader Linie liegt eine kompakte Masse silbergrauer, schwerer Wolken. Die Buchten, gebildet von den dunklen Silhouetten der aus dem Meer steigenden Berge und die gelb-roten Felsen.

Und abends ist Zirkus, Zirkus in Porto. Das darf man nicht versäumen, auch wenn das Geld anfängt, knapp zu werden. 200 Fr. Eintritt. Wir ziehen zusammen mit 2 Engländern, die auch in unserem Hotel wohnen und genau wie wir erst furchtbar rechnen müssen, zu dem großen Ereignis. Nun, das ist zuerst recht komisch, der grausige, heisere Lautsprecher, die dämlichen Clowns, das kleine Zelt, die harten Bänke und als Zuschauer eine reizende Mischung Touristen und Einwohner, viel frische und blanke Gesichter. Aber dann ist das Gebotene gar nicht so schlecht, also auch nicht weiter komisch und sie sind recht geschäftstüchtig, verkaufen Horoskope, Süssigkeiten und sammeln für die armen Künstler. Ja, und dann sehen wir 2 Löwen en pleine ferocite, wie es auf dem Programm so schön heißt, und uns stehen dabei die Haare zu Berge. Das ist böses Gebrüll und Gefauche, denn der Herr Löwe stößt das erste Mal den Bock um auf den er herauf soll und das zweite Mal fällt er dahinter und er gebärdet sich durchaus so, als wollte er allen Ernstes den Dompteur und einige Zuschauer verspeisen. Dazu rollen die nächtliche See in dumpfen Wogen und der Wind heult um das Zelt, das ist verdammt unheimlich und man hockt da in purer Angst. Kurzentschlossen verlassen wir die Veranstaltung. Haben wir das nötig, schließlich haben wir ja Ferien.

 

Und im vierten Teil geht es wieder nach Hause - nicht ohne Komplikationen.