Abreise von Korsika,
ein paar Tage in Südfrankreich
und Rückreise nach Deutschland
Weiter im Original-Reisebericht von Anneliese von 1952:
25.08.1952
Sehr frühes Aufstehen, lange anstrengende Busfahrt, zuerst durch die berühmte Calanche mit den Felsen angeblich si rouge, rouge. Aber wie das oft so ist mit diesen Dingen, die gar so berühmt sind, sie sind ein bisschen enttäuschend, zum mindesten ist das nicht noch schöner als Porto, das kann es auch gar nicht sein. Der Omnibus ist vollgepackt mit Menschen und wieder geht es Kurve um Kurve, von Blick zu Blick in schwungvoll schaukelnder Fahrt, sehr zum Leidwesen von Bess` Magen. Aber wir sind recht müde und wohl auch überhaupt etwas zu vollgesogen von Schönheit, dass kaum mehr etwas Platz hat. Da, Ajaccio, weiße Stradt voll Grazie und Eleganz, die uns so schlecht empfing und fast zum Albtraum wurde. Und wir müssens gestehen, selbst Napoleons Geburtshaus haben wir nur von außen gesehen, weil höhere Mächte uns daran hinderten, diese Stadt zu genießen. Die höhere Macht war das Transatlantique, die einzige Stelle, in der man seine Schiffspassagen buchen kann. Wir schickten Joan dorthin, in dem naiven Glauben, sie bald wiederzusehen mit Schiffskarten in der Hand, ich sitze inzwischen unter einer Palme auf einem Koffer und Bess rast zur Bank. Schiffspassagen? Auf Wochen ausverkauft, da steht neben Joan ein Mann, der wartet schon acht Tage. Kommen Sie nachmittags wieder, manchmal zieht jemand seinen Platz zurück. Wie tröstlich. Wir suchen Quartier, das glückt schließlich und dahin ist es, das herrliche Freiheitsgefühl, das so besonders beglückend war. Da sitzt man auf dieser Insel mit wenig Geld und kann nicht weg. Wir hetzen durch die Straßen und dann essen wir in einem maßlos lauten Lokal, nebenan bersten sie fast vor guter Laune und eine Lachsalve nach der anderen geht über uns hinweg, haben wir gar kein Verständnis dafür im Moment. Zurück zum Transatlantique, eng gedrängt und schwitzend, Bess und ich rasen zur Air France, Joan schwitzt weiter. Flugplätze auf Wochen hin ausverkauft. Wie könnte es auch anders sein. Aigle d`Azur. Flugplätze? Alles ausverkauft. Nächstes Flugzeug in 8 Tagen. Ja, heute geht noch eins, Gott, kommen Sie für alle Fälle, vielleicht haben wir einen Platz frei. Gepäck vom Hotel für Bess, die 3 Tage eher in Deutschland sein muss wie wir. Ja, es gibt einen Platz, nein, es gibt drei Plätze, Flugzeug geht in einer halben Stunde. Ich buche, Bess holt Joan, rein in die Taxe, zum Hotel, zahlen unbenutztes Zimmer, benehmen uns wie die Irren, schmeißen unsere Sachen in die Koffer, ab zum Flughafen, rein ins Flugzeug und mit leicht hysterischem Gelächter verlassen wir fluchtartig die geliebte Insel, die wir ungerechterweise einige Stunden hassten. Flug wie im Omnibus, nicht ein Luftloch und unter uns das Meer in glitzernder Sonne.
Hier steht das Flugzeug - damals konnte man noch einfach hingehen und einsteigen (keine Sicherheitskontrollen, kein "Bitte seien Sie 2 Stunden vor dem Abflug am Flughafen"). Rechts steht wohl Bess.

Nizza. Was denn nun? Wohin? Bleibt Bess? Zum Bahnhof? Hin und her, und dann fällt der Entschluss, dass Bess abfährt, wir stehen am Zug und winken, es ist ein ganz dummes Gefühl, wenn so eine Gemeinschaft plötzlich zerrissen wird. Joan und ich werden dann von einem komischen Mann zum Hotel Madeleine überredet, wir wollens gar nicht und befürchten das Schlimmste, aber wir haben einfach keine Energie mehr nein zu sagen und so trollen wir traurig und wütend durchs schöne Nizza. Aber nein, Glück gehabt, wir landen in einer sehr drolligen Familienpension. Da sitzen wir gleich beim Abendessen, umgeben von braven, spießigen Familien, an den Wänden furchtbar viele ziemlich scheußliche Bilder, alles vom selben Mann gemalt, der wahrscheinlich mal auf diese Weise seine Miete abgezahlt hat.
Madame hat eine charmante Tochter und sie selbst sieht auch sehr reizend aus. Und dann ist da noch ein jüngeres Kind voll Zutraulichkeit und Wichtigkeit, voll Charme und komischen Erwachsenenseins und ganz kindlicher Neugier.
Wir sinken todmüde in die Betten und Joan schläft unruhig, französische Betten sind manchmal Geschmackssache.
26.08.
Ein herrlich verbummelter Vormittag mit Lädenansehen, Baden und Sonnen, ein braves Mittagessen und dann Ausflug mit dem Omnibus. So elegant und schnittig waren sie ja nicht in Korsika, ach aber trotzdem viel schöner. Jetzt merken wir aber, dass wir in Nizza sind, in dem Seebad der Geldleute. Schrecklich fein sind sie alle angezogen und gut frisiert, wir kommen uns vor wie die Vagabunden. Also auf nach Monte Carlo. Oh wie entsetzlich, da ist ein Führer im Omnibus, der die Gegend erklärt in schlechtem Französisch und noch schlechterem Englisch, na nun wissen wirs ja ganz genau. Und alle hängen gebannt an ihres Führers Lippen und gucken brav nach rechts und links wie befohlen und sagen ah und oh und fallen fast aus dem Fenster bei jedem Bananenbaum und sie haben alle schrecklich langweilige Gesichter. Eigentlich ist die Fahrt ja wunderschön, aber alles ist eben etwas ZU gepflegt und die Hotelpaläste überbieten sich an Luxus und Eleganz und man kommt kaum durch durch die Wagenfülle und es ist so perfekt schön, dass es eben alles künstlich wirkt. Aber die Blicke über die Buchten und auf die einzig schöne Halbinsel Cap Ferrat sind unverfälscht. Wenn man daran denkt, dass Korsika vielleicht in 10 oder 20 Jahren einen ähnlichen Charakter bekommen sollte und entdeckt worden ist, wie schrecklich. Und es ist verdammt auf dem Weg dazu, Ajaccio machte bereits gar keinen unberührten Eindruck mehr. Aber NOCH welch ein Unterschied im Publikum. Wie viele nette, frische Gesichter man sah, all die Leute mit Zelt und die anderen Weltenbummler.
Nun gut, wir werfen einen etwas sehnsüchtigen Blick Richtung Korsika übers Meer und summen unserer geliebten Insel ein kleines selbst erfundenes Lied und dann schalten wir um und haben unsere Freude und unseren Spaß an dem, was sich uns nun heute darbietet. Da ist Monaco, ein kleiner Staat aus Marzipan mit einer Schar Zinnsoldaten und Kanonen, einem kleinen Spielzeughafen, maßlos exotischen Pflanzen, furchtbar viel Wagen und Amerikanern und einem echten Prinzen, den man zwar nicht sieht. Aber das ist bezaubernd und hat Charme trotz der vielen Andenkenläden und der absoluten Scheinwelt. Ein reizendes Spielzeug eben, an dem man seine Freude hat, seine Freude, dass es in dieser harten Welt noch so etwas gibt. Und während die Masse staunend ins Kasino von Monte Carlo flutet, sausen wir um ein paar Ecken und essen zarte Törtchen und trinken guten Kaffee aus dünnen Tässchen. Und später bummeln wir amüsiert zum Palais Princier, wo der blütenweiß gekleidete Wachposten vor dem großen Tor neben einer Kanone steht.
Ein Bild vom Hafen von Monaco:

Zurück nach Nizza, Abendessen, Pläne machen für die letzten Tage und dabei ein ausgesprochenes Geduldspiel am Bahnhof, herauszukriegen, welchen Zug wir nehmen können. Und um 1 / 2 10 Uhr sind wir schon wieder bettreif.
27.08.
Früh erledigen wir alles mögliche nach unserem drolligen und recht mageren petit dejeuner. Heut ist es heiß, sehr heiß, wir verbringen noch 2 Stunden in Nizzas Bucht am steinigen Sttand und im Wasser. Für 2 Tage ist das schon hübsch, aber diese harte knusprige Rand um die ganze Bucht ist auf Dauer kein Vergnügen, wie Nizza auf die Dauer überhaupt kein Vergnügen für mich wäre.
Ein letzter Blick auf weiß schimmernde Hotelpaläste, Einkauf für den Abend und Joan holt sich 3 zauberhaft schöne Keramiktassen ab. Mittagessen, Bahnhof, maßlos müde. Wovon eigentlich? Schmutzige Fahrt nach Arles. Wir finden schnell ein ganz drolliges Hotel mit prix moderes und befinden uns nun in der unverfälschten Süd Provence. Das macht Spaß. Da ist gleich um die Ecke eine drollige Bar, wo wir bald sitzen und da kommts nun geströmt zum abendlichen Aperitif und da ist ein Lärm und vergnügtes und freundliches Geschnattere und da sind 4 Hunde und eine Katze, die sich alle gut vertragen. Dann bummeln wir durchs Städtchen, durch dunkle Gässchen und das öffnet sich ständig zu hübschen Plätzen und im Abendschimmer sieht man schöne Kirchen und Häuser und einen Platz, umrahmt von behäbigen Hotels mit Lämpchen und bunten Flaschen in der Bar. Wir studieren die Menukarten und gucken in die Läden und dann sind wir wieder müde und landen im Hotel zu ausgiebiger Reinigung und zum Aussortieren unserer Koffer, die sich inzwischen in schamloser Unordnung befinden. Sehr zufrieden und erfrischt sinken wir auf zwei breite gute Betten.
28.08.
Nach schlichtem Frühstück wandern wir durch die Stadt, besuchen die stattlichen Überreste aus römischer Zeit, die zwar nur in Ruinen, doch einen mächtigen Eindruck vergangener Pracht geben,
Nämlich wohl diese, vor denen Anneliese posiert (ein typisches "Ich war da"-Foto ;-) )

wir wandeln durch einen Klosterhof und die dazugehörige Kirche, die beide trotz der vorhandenen Besucher ihre feierliche Stille und Schönheit ausstrahlen
Gemeint ist diese Kirche Saint Trophime mit ihrem Portal aus dem 12. Jahrhundert (Diesmal ein "Ich, Joan, war da"-Foto).

und wir gehen ins Musee d`Arlaten, das einen Reichtum an provencalischer Kunst und provencalischem Leben darbietet, so viel, dass wir es nicht mehr aufnehmen können und reichlich ermüdet das Freie suchen. Wir kaufen viele Sorten provencalischer Charcuterie, krachend frisches Weißbrot, Butter und Milch und nach einem vergeblichen Versuch, an der Rhone ein Mittagsplätzchen zu finden, landen wir in den jardins publics auf einer schattigen Bank und lassens uns wohl sein. Um uns ist friedliche Mittagsstille, die übliche Katze wird von uns gefüttert, hier ein Arbeiter, der zeitunglesend sein Frühstück verspeist und sich dann ausstreckt auf der Bank, ein alter Mann, ein paar Tramps, ein paar junge Mädchen. Müde, müde von der Mittagshitze, Bett, Schlaf. Um 5 Uhr bummeln wir langsam zum Place de Forum zur Citron presse und Törtchen aus der Patisserie und tausend kleine Vogelkehlen zwitschern in den Ahornbäumen des hübschen Kleinstadtplatzes. Wir kaufen uns jeder einen dickbauchigen Wasserkrug, völlig sinnlos und schrecklich zu transportieren, aber die habens uns doch angetan, die provencalischen Pichets, wie man sie hier nennt, so rund, glasiert und freundlich lachen sie uns an. Wir gehen wieder in unsere kleine Bar zum Aperitif, Katzen, Hund und Nachbarn sind alle wieder da. Wir hocken vergnügt auf unseren Stühlchen und lauschen den provencalischen Schwätzchen, von dem ich nur wenig verstehe und dann wollen wir eigentlich sehr gut essen gehen, aber wir trauen uns nicht recht, es ist alles gar so teuer. Unser billiger Versuch ist nicht sehr geglückt, die Tomates provencales sind halb verkohlt und das Fleisch ist reichlich zäh, na macht nichts. So, noch einmal gute Betten und dann kommt die lange, lange Fahrt.
Sehr pünktlich sind wir am Bahnhof und der Zug ist überfüllt, doch haben wir unsagbares Glück, wir können in einem reservierten Abteil unterschlupfen mit zwei freundlichen Nonnen mit großen Flügelhauben. Lyon, letzte Station, die uns noch einmal zeigt, was die Hitze des Midi ist. Man schleift sich etwas lustlos von Bank zu Bank, fährt dann schließlich mit einer drolligen kleinen Drahtseilbahn hügelaufwärts zu schönen Blick über eine große Stadt und da ist auf dem selben Berg ein Monstrum von Kirche in schauerlichem Stile aufgebaut mit allen Requisiten der Jahrhundertwende.
Tee und Kuchen in einer Patisserie, Rast am Brunnenrand inmitten der tosenden Stadt, um unser restliches Geld zu zählen in aller Öffentlichkeit.
Wohl hier:

Das Ergebnis ist recht erfreulich und wir ziehen danach sehr befriedigt durch die eleganten Straßen und machen kleine Einkäufe. Dann einen Pernot an belebter Ecke, Joan findet einen glühenden Verehrer, der ihr fast bis nach England folgen möchte und dann flitzen wir rasch um die Ecke in ein reizendes kleines Lokal und feiern Abschied mit vielen Gängen, mir machts Spaß, aber Joan kriegt keine Luft mehr und sehnt sich nach nördlicher Frische. Endlich Bahnhof, voller Zug, grässliche Menschen, enggequetschtes Sitzen in langer Nacht und nun stehen wir an der Grenze und ich sage Adieu oder au revoir la belle France.
Und wir sagen: Vielen Dank für diesen schönen Reisebericht. Wo auch immer Du jetzt bist, wir hoffen, dass es Dir dort so gut gefällt wie bei Giuseppi. Adieu, Anneliese.