Eine Reise durch die USA im Jahr 1924
Teil 1: Von Detroit
nach South Dakota
Wer heutzutage in die Vereinigten Staaten reist, erlebt nicht nur grandiose Naturlandschaften und interessante Städte, sondern auch eine hervorragende Infrastruktur. Gute Straßen in allen Landesteilen, selbst in so schwach besiedelten Gegenden wie z.B. in Nevada. Ja, ist es nicht gerade das klassische Bild des amerikanischen Westens das asphaltierte Band des Highway, das zum Horizont verläuft?
Als heutiger Tourist vergisst man leicht, dass dieses hervorragende Straßennetz erst in den letzten 100 Jahren entstand. Gelegentlich liest man zwar in alten Reiseberichten über schlechte oder gar nicht vorhandene Straßen. Aber so richtig vorstellen kann man sich das kaum. Dabei sah es noch vor weniger als 100 Jahren oft SO aus:
Bild 1:

Natürlich ist die Entwicklung des modernen Straßennetzes auch eine Folge der Einführung des Automobils. Jahrhundertelang zog man in den USA von Ost nach West in den bekannten Planwagen über ein mehr als dürftiges Wegenetz wie den Oregon Trail. Als dann 1869 die erste Eisenbahn den Kontinent durchquerte, brach dieses Trailsystem fast sofort zusammen. Warum sollte man sich mit Sack und Pack monatelang durch Prärien und über Berge kämpfen, wenn man das Gleiche per Eisenbahn auch in 8 Tagen schaffen konnte?
Die Einführung der ersten Automobile änderte daran zunächst herzlich wenig. 1898 gab es gerade mal 30 funktionierende Automobile in den USA. Doch schon zehn Jahre später gab es nicht etwa 700 Automobile, sondern 700 Automobil-Fabriken im Land. Ein gewaltiger Boom setzte ein. Von 8.000 Fahrzeugen im Jahr 1900 über eine halbe Million im Jahr 1912, 2 Millionen in 1915 und 10 Millionen im Jahr 1920.
Gleichwohl wurden Automobile zunächst oft nur für den Verkehr in Städten oder im benachbarten Umland benutzt. Sicher gelang es 1903 zum ersten Mal, die USA in einem Automobil zu durchqueren, aber das war lange Zeit eine bejubelte Ausnahme. Bis 1913 war das Gleiche kaum 150 Fahrern gelungen.
Der Grund war klar es fehlte an einem wirklichen Straßensystem im Land, das mit einem Automobil auch befahrbar war. Der Bund lehnte es grundsätzlich ab, ein Straßensystem zu bauen das sei Sache der Einzelstaaten. Die Einzelstaaten waren wenig interessiert. Noch 1912 hatten 20 der Staaten einen Straßenbauetat von exakt 0 Dollar. Insofern blieb es weitgehend Angelegenheit der Kreise (Countys). Nicht verwunderlich, dass es 1915 gerade mal 800 Kilometer befestigter Straßen außerhalb von Städten gab.
So war es schließlich ein Geschäftsmann, der 1912 vorschlug, aus Spenden soviel Geld aufzutreiben, um eine Straße von New York nach San Francisco zu bauen. Das gelang erstaunlich schnell, nicht zuletzt dank einer "großzügigen Spende" von 5 Dollar des damaligen US-Präsidenten. Schon 1923 wurde der sogenannte Lincoln-Highway tatsächlich eröffnet. Wobei man nicht zuviel von diesem Highway erwarten durfte. Immerhin 2-spurig war er, aber keineswegs asphaltiert. In den Anfangszeiten war er wohl kaum mehr als eine leidliche Schotterstraße, die bestehende Feldwege mit einander verband.
So war die Situation, als zwei deutsche Reisende im Jahr 1924 aufbrechen, um einmal mit einem Auto die USA von Ost nach West zu durchqueren. Anhand eines alten Fotoalbums, das einer den beiden seinen Eltern zu Weihnachten 1924 schenkte, können wir ihre Reise nachvollziehen.
Also, drehen wir die Uhr 82 Jahre zurück. Und begeben wir uns ins Jahr 1924.
Ein eher ruhiges Jahr der Weltgeschichte. Lenin stirbt in diesem Jahr. Die Türkei schafft das Kalifat ab. Der Völkerbund ächtet den Angriffskrieg. Der erste Hubschrauber fliegt 700 Meter weit. In Paris finden die Olympischen Sommerspiele statt. Die Rhapsody in Blue wird uraufgeführt. Und die Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte wird gegründet.
Das Album beginnt mit diesem Bild, das einen unserer Reisenden als Erntehelfer beim Pflügen im Bundesstaat New York zeigt.
Bild 2:

Einen Monat bleiben sie dort. Zwei Diplom-Ingenieure sind es, wie sich aus einer Bildunterschrift ergibt. Wir wissen aber nichts über ihre Herkunft, ihre Namen oder ihr späteres Leben.
Dieses Bild zeigt auch ein gewisses Problem des Albums. Trotz relativ aufwändiger Nachbearbeitung sind einige der Bilder schlicht unscharf oder schlecht belichtet. Aber so ist das halt im Jahr 1924.
Zum Beginn der Reise begeben sich unsere Reisenden nach Detroit, wo dieses Bild der Ford-Automobilwerke entsteht.
Bild 3:

Wenn man über die Automobiliserung der USA
schreibt, kommt man an den Ford-Werken nicht vorbei.
Hier hatte nämlich der findige Unternehmer Ford mit dem
berühmten Model T, auch Tin Lizzy (Blechliesel) genannt, ein
robustes, einfaches und zuverlässiges Transportmittel auf den
Markt gebracht. Zudem mit großer Bodenfreiheit eben wegen
der schlechten Straßen. Der robuste 20 PS Motor sorgte in
Verbindung mit der 2-Gang-Schaltung für durchaus
zufriedenstellende Fahrleistungen und eine Höchstgeschwindigkeit
von immerhin 72 Stundenkilometern. Aufgrund der Beschränkung auf
das absolut Notwendige beim Fahrzeugbau, der Einführung der
Fließbandtechnik und dem dadurch niedrigen Kaufpreis war das
Fahrzeug ein absoluter Verkaufsschlager.
1924 sind gut 3 Viertel(!) aller Fahrzeuge in den USA von diesem
Typ. Gerade mal 290 Dollar kostete die Tin Lizzie noch 1924. Zwar
war die Tin Lizzy zu diesem Zeitpunkt schon technisch veraltet,
aber der günstige Preis - bei Wochenlöhnen von 20-50 Dollar (je
nach Tätigkeit) war das nötige Geld schnell zusammen - sorgte
dennoch für erhebliche Umsatzzahlen. Gerade am 04. Juni 1924 war
der 10-millionste Wagen dieser Reihe gebaut worden. Noch drei
weitere Jahre würde das Model T verkauft werden, bevor von einem
Tag auf den anderen eine neue Modellreihe eingeführt werden
würde.
Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, dass hier unsere Reisenden ein Model T kaufen.
Und von dort beginnt ihre Reise am 12. August 1924. Ihre Reise, die sie bis nach San Francisco führen wird.
Zwei Tage benötigten sie für die ca. 450 Kilometer nach Chicago, wo dieses Bild von der Michigan Avenue entsteht.
Bild 4:

Dank Markus habe ich jetzt ein Vergleichsfoto von diesem Bereich. Das wesentliche Indiz: die Kirche rechts im Bild. Die Szenerie hat sich ein bisschen geändert, oder? Gleich links um die Ecke ist übrigens heute das bekannte Hancock-Building.
Bild 4 a:

Der deutsche Reiseschriftsteller Heinrich Hauser, zeigt sich 7 Jahre später (1931) vom gewaltigen Autoverkehr in Chicago entsetzt:
"Wie lange wird es noch Autos geben? Sie sind unmöglich geworden in der City. (...) Parken ist verboten, Fahren eine qualvolle Springprozession, grotesk geleitet von einem Heer berittener Polizei. In den Hauptstunden des Verkehrs haben die grün-gelb-roten Ampeln praktisch keine Geltung mehr. Man fährt bei allen Farben, wenn Platz ist, und hält auch bei Grün, wenn der Menschenstrom die Straße überflutet. In den Citygaragen kostet Parken zwei Mark für die erste Stunde!"
Und die Michigan Avenue beschreibt er:
"Eine Straße so breit wie ein Meeresarm. Wie man fährt: wie die Lichterketten sich verschlingen, wie ihre Schleifen sich lösen. Man fährt und man meint stillzustehen, so gering ist die eigene Bewegung im Strom der tausend Autos, alle in eine Richtung, alle im gleichen Tempo fahrend."
(Heinrich Hauser, Feldwege nach Chicago, 1931).
Das Ufer des Michigan-Sees:
Bild 5:

Auch wieder von Markus habe ich das vergleichbare Bild von heute. Hier das wesentliche Indiz: die beiden kleineren Gebäude, die offenbar noch die gleichen wie damals sind. Auch hier hat sich allerdings wieder einiges geändert.
Bild 5a:

Von Chicago geht es in westlicher Richtung weiter.
Der Mississippi bei Dubuque an der Grenze zu Iowa.
Bild 6:

Die Straßenverhältnisse in diesem Bereich scheinen sehr gut gewesen zu sein, denn innerhalb eines Tages schaffen die Reisenden über 300 Kilometer.
Dieses Foto Bild 7:

ist mit Ein seltener Fang Stinktier unterschrieben. Hoffen wir mal, dass das gut gegangen ist. Schließlich sind Stinktiere so ungefähr die letzten Tiere, mit denen man sich anlegen sollte.
(Mal ganz nebenbei aus der Rubrik "Unnützes, aber vielleicht doch irgendwann mal nützliches Wissen": Wie bekommt man eigentlich den Gestank von der Haut, wenn man mal unfreiwillig Kontakt mit einem Stinktier hatte? Es gibt nur ein Gegenmittel: Tomatensaft! (Kein Witz))
Interessant ist dieses Bild aber vor allem auch wegen dem klar gezeigten Auto der Model T-Reihe. Und man kann auch gut erkennen, in welchem Zustand die Straße ist. Ein geschobener Weg mit deutlichen Reifenspuren, nicht viel breiter als das Auto.
Das Tempo bleibt in diesen Tagen hoch - 550 km schafft man in zwei Tagen auf fast schnurgeraden Straßen und überquert dann bei Sioux City den Missouri im Hintergrund hier die 1981 abgerissene Combination Bridge und damit die Grenze nach Nebraska.
Bild 8:
Dabei benutzen unsere Reisenden die heutige Routenführung des Interstates 20. Der anfangs erwähnte Lincoln Highway heute die Interstate 80 - verläuft auf diesem Streckenabschnitt schon deutlich weiter südlich.
Zwei typische Szenen der Reise durch den Mittleren Westen zeigen die folgenden beiden Bilder. Dieses hier ist mit Wasserholen in der Steppe bei Atkinson beschrieben - am Windrad rechts gibt es Wasser.
Bild 9:

Das Nächste trägt die ironische Bezeichnung Zwischenbeschäftigung - offenbar ist der Reifen platt.
Bild 10:

Das waren noch Zeiten, als man Reifen mit einer normalen Luftpumpe aufpumpen konnte. Reifenpannen dürften das Hauptproblem der Reise gewesen sein. Auf einem späteren Bild werden wir an der Seite des Wagen deutlich die Ersatzschläuche sehen.
Dieses Bild (Bild 11):

zeigt die Fahrt hinab ins das Tal des Niobara-Flusses.
Nachdem unsere Reisenden bisher fast schnurgerade nach Westen gefahren sind, biegen sie jetzt nord-westlich in Richtung South Dakota ab.
Hier haben sie auch Kontakt zu den Indianern. Im Pine-Ridge Reservat der Sioux in South Dakota scheinen diese von Pferden gezogenen Wagen typisch gewesen zu sein. Mehr Kontakt scheinen die Reisenden aber nicht zu den Sioux gehabt haben - es finden sich jedenfalls keine Fotos im Album.
Bild 12:

Durch das Tal des Cheyenne-Flusses
Bild 13:

und durch einsame Gegenden
Bild 14:

kommen die Reisenden nun in Gebiete, die auch heutzutage für USA-Touristen interessant sind: Die Black Hills mit dem Custer State Park, der zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre bestand.
Der hier gezeigte Sylvan Lake
Bild 15:

sieht heute noch genauso aus (danke mal wieder an Markus für die folgenden beiden Bilder)
Bild 15a:.

Auch die Needles am sog. Needles Highway im Custer State Park.
Bild 16:

Und heute (nicht genau die gleichen Nadeln, aber was soll`s):
Bild 16a

Und hier geht es weiter zum 2. Teil der Reise