Eine Reise durch die USA im Jahr 1924

Teil 4: Vom Yellowstone zum Grand Canyon

Vom Yellowstone National Park, in dem sie 2 Tage bleiben, begeben sich unsere Reisenden nach Süden über Idaho

Bild 41:

nach Utah

Bild 42:

Am 02.September erreichen unsere Reisenden Salt Lake City. Grob drei Wochen sind sie bisher unterwegs und haben 7 Staaten durchquert – das ist ja schon fast heutiges Tempo.

Die folgenden Bilder zeigen Stadtansichten, hier zwei jeweils mit dem Capitol im Hintergrund. Es dürfte sich dabei um zwei Bilder von der State Street handeln.

Bild 43:

 

Bild 44:

Zu diesem Foto habe ich kein genau passendes Bild von heute, aber immerhin schon mal einen Ausschnitt (danke an BettinaW). Wenn ihr auf dem Bild mal kurz unterhalb des Capitols schaut, sieht man über der Straße so einen kleinen, nach oben spitz zulaufenden Bogen. Es handelt sich dabei um das Eagle Gate an der Ecke State Street / South Temple, das 1859 als Eingang zum Gelände von Brigham Young (dem damaligen Oberchef der Mormomen) errichtet wurde. Es wurde im Laufe der Zeit mehrfach ersetzt.

Die Ecke sieht heute so aus: Bild 44a

 

Natürlich auch eine Ansicht mit dem schon 1893 erbauten Tempel der Mormonen:

Bild 45:

Das gleiche Bild 45a heute (danke erneut an Uli):

Bei dem folgenden Foto des "Rathauses" (so ist es im Album benannte) - heute das Salt Lake City und County Building -

Bild 46:

 

beachte man bitte den Bildvordergrund. Offenbar eine Tankstelle. Was heute selbstverständlich ist, wird damals noch in vielen Bereichen außerhalb von Städten eher die Ausnahme gewesen sein. Erst ab 1910 verbreiteten sich die sog. „Filling Stations“ über die USA.

Von diesem Gebäude habe ich inzwischen ein Vergleichsbild von Klaus, allerdings wohl aus einer anderen Perspektive (aber besser wie nichts - danke schön).

Bild 46a:

Lief die Reise bisher offenbar ohne wirkliche Probleme, wird sich auf den nächsten Bildern zeigen, warum Autofahrten damals noch nicht einfach waren. Denn jetzt kam man in den wirklichen wilden Westen. Diese beiden Bilder zeigen den recht erbärmlichen Zustand der Straßen südlich von Salt Lake City.

Bild 47:

Bild 47:

Unsere Reisenden erreichen den Bryce Canyon, wo sie einen Tag verbringen. Dieser Bereich ist ein Jahr zuvor als National Monument geschützt worden.

Bild 48:

 

Die gleiche Perspektive von heute (allerdings mit weiterem Ausschnitt) - Danke an Raphael.

Bild 48a

Vom Bryce geht es nun in Richtung Süden – man will zum Südrand des Grand Canyon. Was heutzutage eine Fahrt von vielleicht 6 Stunden ist, wird unsere Reisenden 6 Tage beschäftigen.

(Kleiner Einschub: Warum eigentlich zum Südrand des Grand Canyon? Warum fahren 95 Prozent der Touris zum Südrand, obwohl der Nordrand ähnlich sehenswert ist und bei manchen Routen sogar einfacher zu erreichen wäre? Diese Frage hatte ich mir eigentlich noch nie gestellt - man fährt halt zum Südrand.
Erst beim Beschäftigen mit diesem Album und alten Reiseberichten und alten Reiseführern kam mir die Erleuchtung: Purer Zufall! Im 19. Jahrhundert erreichte man den Grand Canyon mit der Eisenbahn. Und wo verlief die Eisenbahn? Zufälligerweise südlich des Grand Canyon (die Santa Fe Railroad). Wäre sie nördlicher verlaufen, würden wohl heute 95 Prozent der Touris zum Nordrand strömen. Tatsächlich hatte man in den 1920er-Jahren noch überlegt, den Nordrand mit einer Eisenbahnlinie zu erschließen, aber durchgeführt wurde es nie. Zumal eben ab den 1920er Jahren sich immer mehr das Automobil als Reisemittel durchsetzte.)

 

An einem Tag geht es von Bryce nach Kanab. Zwei Jahre zuvor, 1922 , wurde hier der erste Western in der Region gedreht und machte Kanab für einige Jahre zu einem der hauptsächlichen Drehorte von Western. Die teilweise rekonstruierte Filmstadt Old Paria erinnert heute daran.

Bei den folgenden Bildern hatte ich erhebliche Probleme, sie genau zuzuordnen. Mit Hilfe von Chris Eaton, Director der Glen Canyon Natural History Association, bin ich nun aber ein Stück weiter gekommen.

Der heute übliche Weg über den Glen Canyon Dam und Page bestand natürlich noch nicht. Denn der Staudamm, der den Lake Powell aufstaut, wurde ja erst 30 Jahre später gebaut und der Ort Page entstand erst mit diesem Bau. 1924 war die einzige Möglichkeit auf 600 Meilen über den Colorado zu kommen, die Fähre Lee`s Ferry, ein paar Meilen südlich des heutigen Staudamms. Erst ab 1929 gab es dann die Navajo Bridge als erste Brücke in diesem Bereich.

Von Kanab ging es für unseren Reisenden offenbar zunächst Richtung Osten durch das Kimball Valley und von dort südlich durch das Houserock Valley. Es gab noch eine zweite Route durch die Paria River Narrows, die aber wohl nur Ortskundigen bekannt war. Insofern spricht viel dafür, dass unsere Reisenden die Strecke durch das Houserock Valley genommen haben.

Moment Mal: Houserock Valley Road? Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor?
Richtig: dieses unscheinbare Tal ist der Zugang zu Bereichen, die heute zu den Geheimtips für USA-Touristen zählen: die Coyote Buttes und die dort gelegenen Wave, die Buckskin Gulch und die White Pocket. Ob unsere Reisenden auch nur die geringste Ahnung hatten, dass nur 1-2 Kilometer neben ihrer Route eine Landschaft liegt, die heute als Geheimtip unter USA-Reisenden gilt? Wohl kaum.

Warum unsere Reisenden 6 Tage für diese Strecke benötigten, zeigen die folgenden Bilder. Dieses hier ist mit „Wer die Wahl hat, hat die Qual“ beschrieben.

Bild 49:

Zeitweise sind die Straßen wieder etwas besser

Bild 50: (Chris Eaton meint, dass dieses Bild vermutlich von der Houserock Valley Road ist).

Und dann wieder schlechter. Hier sind unsere Reisenden schon kurz vor Lee`s Ferry (entlang dem heutigen Abzweig vom Highway 89).

Bild 51:

Doch man erreicht den Colorado. Das ist auch kurz vor Lee`s Ferry. Allerdings dürfte es schwer werden, den genauen Standort zu ermitteln, da sich ja die Fluss-Niveau wegen des später gebauten Glen Canyon Dam verändert hat.

Bild 52:

Und dann die Fähre von Lee`s Ferry. Auf dem Bild scheint das Auto schon auf der Fähre zu sein.

Bild 53:

 

Von Gerhard habe ich ein Bild von heute bekommen - die Fähre gibt es ja nicht mehr. (Weil sich eben das Flussniveau verändert hat, ist es gar nicht so leicht zu erkennen, dass das wirklich die gleiche Stelle ist - ist sie aber)

Bild 53a:

Die folgenden Bilder 54 -57 zeigen die Route auf der anderen Colorado-Seite in Richtung Grand Canyon. Wo genau, ist unklar, da diese Strecke heute nicht befahren wird.

Bild 54:

 

Offenbar scheint es geregnet zu haben bzw. nach der Regenkleidung noch zu regnen. Dieses Bild ist mit „Vergnügungen auf Arizonaer Straßen – Indianertruck im Crosswash“ bezeichnet. Immerhin 5 (6?) Fahrzeuge sind hier zu erkennen.

Bild 55:

Unseren Reisenden geht es nicht besser. Bei Cameron fahren sie sich selbst fest.

Bild 56:

Sie dämmen das Wasser mit einem kleinen Steindamm hinter dem Wagen ab.

Bild 57

Ob es was genützt hat? Jedenfalls sind sie wieder rausgekommen. Man beachte übrigens auch die Ersatzreifen an der Wagenseite.

Die wenigen Kilometer von Cameron zum eigentlichen Grand Canyon – heute eine Stunde Autofahrt - kosten unsere Reisenden nochmal 2 Tage.

Ich dachte hier zunächst, dass einfach die Strecke sehr schlecht gewesen sein müsste.
Erst später entdeckte ich, dass ich den im Fotoalbum zwischen Cameron und Grand Canyon angegebenen Ort "Maine" schlicht an der falschen Stelle gesucht hatte. Tatsächlich ist dieser Ort an der Route 66 (und heutigen Interstate 40) zwischen Flagstaff und Williams, also deutlich südlich vom Grand Canyon. Unsere Reisenden sind also von Cameron nicht die direkte Strecke zum heutigen Osteingang des Grand Canyon National Park gefahren, sondern südlich bis zur Route 66 / Interstate 40 und von dort am nächsten Tag wieder Richtung Norden zum Südeingang des Grand Canyon National Park.

Warum sie das getan haben? Gab es denn keine Verbindung von Cameron zum ja nur wenige Meilen westwärts gelegenen Grand Canyon National Park?

Meine Recherchen sprechen sehr dafür, dass es tatsächlich schon eine einfache Verbindung vom östlichen Grand Canyon nach Cameron gegeben haben muss. Ich konnte zunächst herausfinden, dass jedenfalls diese Strecke in den 30er Jahren "ausgebaut" wurde, ab diesem Zeitpunkt war die Zufahrt von Cameron kein Problem mehr. Wenn sie aber "ausgebaut" worden war, dann musste sie ja schon zuvor bestanden haben.

Unsicher machten mich auch lange die folgenden beiden Fotos, die im Fotoalbum (mit anderen Bildern) chronologisch falsch eingeordnet wurden (offenbar hatte der Ersteller des Albums beim Einkleben noch ein paar Fotos entdeckt, die er vergessen hatte und sie nachträglich eingefügt). Nach der Beschriftung sind sie zwischen "Bright Angel Canyon" und "Grand Canyon" am "Bright Angel Point" aufgenommen wurden.

Nun gibt es zwar einen "Bright Angel Canyon", aber das ist ein Seitencanyon am Nordrand des Grand Canyon und konnte daher kaum gemeint sein. Auch einen "Bright Angel Point" gibt es, aber auch der ist am Nordrand des Grand Canyon. Ein Fotovergleich zeigte auch deutlich, dass der heutige "Bright Angel Point" am Nordrand des Grand Canyon unmöglich der aus dem Fotoalbum sein kann. Denn auf den alten Fotos ist deutlich zu sehen, dass dieser Punkt vergleichsweise niedrig über dem Colorado ist - der heutige Bright Angel Point liegt aber wirklich ganz oben am Nordrand, also viel höher.

Dank der Hilfe von dem schon erwähnten Chris Eaton hat sich auch hier das Rätsel etwas gelüftet. Bei dem gezeigten Fluss handelt es sich nicht um den Colorado, sondern um den Little Colorado. Dieser Zufluss zum Grand Canyon fließt an Cameron vorbei zum Grand Canyon. Also mussten die Bilder vermutlich in der Nähe von Cameron aufgenommen worden sein.

Und dann beim Lesen eines Reiseberichts von 1928 lüftete sich das Rätsel. Hier schreibt der Deutsche Ernst Stolper:
"Wir entschlossen uns, die berühmte, aber technisch sehr schwierige Fahrt über die Painted Desert, die „bunte Wüste“, zu unternehmen. Dave war nur unwillig dazu zu bringen, und mit Recht: es hieß für ihn, etwa 200 Kilometer über fast wegelose Wüste ohne jede Siedlung zu fahren. Es gibt allerdings eine „Straße“, aber sie ist eine Ironie von Straße: es ist der getretene Pfad von Schafhirten, der hier und da von durchkommenden Touristen benutzt wird. Ein leichteres Auto macht diese Strecke überhaupt nicht.
Wir fuhren zunächst am [South Rim des Grand] Canon entlang, mit vielen Blicken in die Schlucht hinab, eine fabelhafte Straße, stets voller Überraschungen. Dann verlässt man den Canonrand und kommt durch prächtigen Hochwald auf ein Kalkplateau. Plötzlich bricht die Hochfläche ab; etwa 300 m tiefer dehnt sich die endlose Painted Desert in ihrer unbeschreiblichen Farbstimmung.
Nach einiger Zeit kommen wir an den „Kleinen Colorado.“


Und jetzt – Achtung – kommt die wichtigste Stelle:

„Die Straße führt steil und gefährlich zum Kleinen Colorado hinab, eine Nervenprobe für den Fahrer. Man fährt unmittelbar an schauerlichen Abgründen entlang und auf und ab über tolle Felsblöcke, Felsschollen und Geröll.“
(Ernst Stolper, Werkstudent im Wilden Westen, 1928).

Und jetzt schaut Euch mal das nächste Bild an - ist das die beschriebene Strecke oder was?

Bild 58:

Bild 59:

„Diese Straße ist keine Straße, sondern ein ausgetrocknetes Flussbett“ – so ist dieses Bild beschrieben, wobei nicht klar ist, wo es aufgenommen wurde.

Bild 60:

 

Der Südrand des Grand Canyon wird jedenfalls erreicht. Da die Fotografien unserer Reisenden hier doch recht schlecht sind, und wir außerdem genug Schwarz-Weiß gesehen haben, erlaube ich mir, eine kolorierte Fotografie von 1908 einzustreuen. So dürfte es auch bei unseren Reisenden ausgesehen haben - allerdings in natürlicheren Farben.

Bild 61:

Zurück ins Schwarz-Weiß: Ein Indianertanz erwartet unsere Reisenden beim Hopi-Haus am Grand Canyon.

Bild 62:

Bild 63:

 

Es gibt kaum eine Szenerie, die man so oft in alten Fotoalben findet, wie diese Hopi-Tanzszenen. Mindestens über 20 Jahre gab es jeden Abend eine solche Vorstellung der Hopi. Eine detaillierte Beschreibung hiervon gibt der bekannte Naturforscher Sven Hedin in seinem Buch "Gran Canon". 1923 - also ein Jahr vor unseren Reisenden - verfolgte er dort eine entsprechende Tanzaufführung, die von dem Hopi Joo Secakuku geleitet wurde. Die Reihenfolge der Tänze war damals
- "Kachina", den Naturkräften gewidmet (Ob das so richtig ist, bezweifele ich. Kachinas sind nämlich eigentlich sagenumwobene Geistwesen der Hopi)
- Frühlingstanz
- "Tanz der Schmetterlingsknaben und Schmetterlingsmädchen"
- "Büffeltanz"
- "Adlertanz"
- "Kriegstanz" "Erntelied".
Insgesamt war die Darstellung 2 Stunden lang.

Hier noch das Hopi-Haus, das es in dieser Form noch heute gibt.

 

Bild 64:


Und weiter geht`s zum 4. Teil.