Eine Reise in den Südwesten im Jahr 1940
Teil 2: Von Missouri über die Rocky Mountains
Wer unsere Reisenden waren und woher sie genau kamen, kann ich nicht sagen. Anhand ihres Nummerschildes wissen wir aber, dass Sie aus Massachussetts kamen.
Den ersten im Fotoalbum festgehaltenen Stop machen sie auf dem Weg in den Westen in Cameron, Missouri (etwa 30 Meilen nördlich von Kansas City an der Kreuzung der Highways 36 und 69, wobei heute hier in Nord-Süd-Richtung auch der Interstate 35 verläuft). Dort übernachten sie im Crown Tavern & Cottages. Das scheint so bemerkenswert gewesen zu sein, dass sie eine Postkarte dieses Motels in das Fotoalbum kleben.

Wie auch unterwegs die meisten Unterkünfte fein säuberlich fotografiert und aufgeführt wurden. Letztlich ist das nicht verwunderlich. Denn diese Art der Unterkunft war noch durchaus neu.
Ab den 30er Jahren hatten sich mit der Ausbreitung des Autoverkehrs auch die Notwendigkeit ergeben, genügend Unterkünfte für diese Art des Reisens entlang der Autostraßen zur Verfügung zu stellen. Diese Unterkünfte hatten anfangs keine einheitliche Bezeichnung. Klassische Hotels waren sie auf jeden Fall nicht, die meisten waren als Ansammlung von Cabins, also einzelne kleine freistehende Häuschen angelegt. Verschiedene Bezeichungen wie Tourist Camps oder Tourist Court oder Motor Courts oder Motor Hotel wurden erfunden. Letztlich setzte sich erst Ende der 30er/Anfang der 40er Jahre das (1925 in Kalifornien erstmals benutzte) Motel durch.
Nebenbei bemerkt war es übrigens ein Teil des Erfolgsrezeptes dieser Unterkünfte gerade in größeren Städten, dass man sie als unverheiratetes Liebespaar unauffällig aufsuchen konnte. In richtigen Hotels durfte man nur als Ehepaar zusammen ein Zimmer nehmen und Einzelreisenden war vorgeschrieben, bei Besuch des jeweils anderen Geschlechts im Hotelzimmer die Tür offen zu lassen. Und das wurde durchaus auch kontrolliert. Bei den Motels kümmerte das offenbar niemanden, zumal eben die Türen der Gästezimmer durch ihre Lage nach außen nicht mehr wirklich kontrollierbar waren. Eine Studie aus 1935 ergab für die Stadt Dallas, dass man bei drei Viertel der eingetragenen Gäste Hinweise auf Liebesaktivitäten finden konnte, insbesondere die Nutzung fiktiver Namen bei der Anmeldung. Nicht umsonst wurden Motels damals zum Teil spöttisch als heiße Betten oder. als Mr. und Mrs. Jones-Geschäfte bezeichnet. Doch gehen wir mal davon aus, dass dies im Wesentlichen auf die billigeren Motels in Großstädten zutraf und nicht auf die, die unsere Reisenden aufsuchten.
Immerhin warb das Crown Tavern & Cottages, das unsere Reisenden besuchten, auf einer zeitgenössischen Ansichtskarte mit So modern wie Ihr Haus So Up-to-date wie heute Kühl im Sommer Geheizt im Winter Badezimmer Bequeme Betten Garage eingeschlossen Moderate Preise. Was will man mehr? Heute gibt es übrigens noch Motels an dieser Stelle, das Crown Taverns aber nicht mehr.
Auch beim nächsten Stop in Burlington, Colorado, wird wieder ein Foto von der Unterkunft gemacht. Dabei ist mir unklar, ob es sich hierbei wieder um Cabins besserer Art handelt oder um Einfamilienhäuser.

Von dort ist es nicht mehr weit nach Colorado Springs und dem dortigen Hausberg Pikes Peak - hier hinten in der Bildmitte.

Obwohl es schon seit 1916 möglich und für Touristen eine Attraktion war, auf einer Straße bis auf die Spitze des Berges zu fahren, machen unsere Reisenden das nicht. Es fehlt jedenfalls jeder Hinweis darauf.
Colorado Springs war damals eine Kleinstadt mit geschätzt 36.000 Einwohnern.

Der Ausbau von Militärstützpunkten, u.a. der späteren Air Force Academy, der viel zum Wachstum und Wohlstand der Stadt beitrug, began erst 1942, also 2 Jahre nachdem unsere Reisenden dort gewesen waren.
Auf der weiteren Fahrt besuchen unsere Reisenden In der Nähe von Canon City die Royal Gorge Bridge, die zumindest damals höchste Hängebrücke der Welt. Höchste Brücke in dem Sinne, dass darunter immerhin eine Schlucht, nämlich die Royal Gorge des Arkansas River, mit einer Tiefe von 316 Metern liegt. So sieht das Teil aus:

Wobei man ehrlich sein muss. Für eine Hängebrücke, die also keine Unterstützung von unten braucht, ist es ziemlich egal, ob man sie in einem Meter oder 316 Meter über einem Fluß baut. Es sei denn natürlich, ein Arbeiter fällt beim Bau hinunter. Was aber Gott sei Dank nicht passierte, als man die Brücke 1929 baute.
Überhaupt ist die Brücke, die auch gerade mal eine Länge von 264 Metern hat, eine Mogelpackung. Denn sie wurde einzig und allein für den Tourismus gebaut. Eine Verkehrsfunktion hatte sie nie, zumal sie nur einspurig gebaut wurde. Auch heute kann man die Brücke noch besuchen, sogar darüber fahren, einen Vergnügungspark mit Westernstadt und Streichelzoo gibt es auch. Immerhin gibt es einen Aufkleber für unsere Reisenden:

Der Weg führt unsere Reisenden weiter über den Highway 50 über den landschaftlich schönen Monarch Pass mit seinen immerhin 3.500 Metern Höhe.

In Montrose biegen unsere Reisenden südlich auf die US 550 ab und fahren über Silverton und Durango weiter in Richtung Mesa Verde National Park.

Die Geschichte der in Teilen als sog. Million Dollar Highway bekannten Straße muss man wohl als nicht untypisch für Amerika ansehen. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der dortigen Gegend die ersten Erzvorkommen, insbesondere Gold, gefunden wurden und entsprechend kurzfristig Städte gegründet wurden, ergab sich auch die Notwendigkeit von Transportwegen. In den 1880er Jahren wurde daraufhin von Privatleuten diese Straße erstmals erbaut, wobei man durch Mautzahlungen die Kosten wieder eintrieb. Erst in den 1920er Jahren wurde diese Straße dann als Teil des US-Straßennetzes die US 550 und ausgebaut. Die Herkunft des Namens Million Dollar Highway ist übrigens unklar. Viele Erklärungen werden hierfür genannt, so z.B. im Hinblick auf die hohen Herstellungskosten oder auf Verwendung erzhaltigen Gesteins als Baustoff.
"Wir fahren durch 1.600 Schafe" - so die Bildunterschrift:

Unsere Reisenden muss das nicht kümmern, sie dürfen diese landschaftlich beeindruckende Strecke kostenlos befahren. Sie erreichen als ersten Nationalpark den Mesa Verde National Park.

Damit hätten unsere Reisenden an einem Tag 543 Meilen über die Rockies zurückgelegt. Entweder zeigt dies, dass die Straßen in einem tollen Zustand waren oder hier fehlt eine Übernachtung. Ist aber auch egal, die Leichtigkeit des Reisens ist offensichtlich.
Im nächsten Teil geht es dann durch die Nationalparks des Südwestens.